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Archiv der Kategorie Übersetzen

Basel: Stetig steigende Dolmetschkosten für Justiz und Polizei

SchweizDie Stadt Basel in der Schweiz klagt über stetig steigende Dolmetsch- und Übersetzungskosten für “delinquierende Asylsuchende und Kriminaltouristen aus Osteuropa”. Gerichte, Staatsanwaltschaft und Polizei müssen zusammen pro Jahr mehr als 355.000 Euro aufwenden. Der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft erklärt: “Wir brauchen die ganze Palette von Sprachen. Natürlich gehören auch europäische Sprachen wie Englisch oder Französisch dazu, doch vielfach geht es um afrikanische Sprachen, um Albanisch, Türkisch oder Arabisch.” Basel liegt im Dreiländereck Frankreich, Deutschland, Schweiz und hat gut 170.000 Einwohner. Die Basler Zeitung beziffert die Kosten wie folgt:

Die Justiz muss zunehmend Übersetzer beiziehen. Die Dolmetscherkosten der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt bewegen sich zwischen 2009 und 2011 zwischen rund 230′000 [186.312 Euro] und 250′000 Franken [202.513 Euro] pro Jahr. Hier ist über mehrere Jahre gesehen ein Anstieg festzustellen. Am meisten Dolmetscher braucht die Kriminalpolizei mit 37 Prozent, dazu die Allgemeine Abteilung mit 28 Prozent, gefolgt von der Jugendanwaltschaft mit 18 Prozent und der Wirtschaftsabteilung mit 17 Prozent. Gleich sieht es am Gericht aus: «Wir haben tendenziell mehr Übersetzungskosten», sagt Thomas Schweizer, Verwaltungschef am Strafgericht Basel-Stadt. Wendete das Strafgericht im Jahr 2000 noch rund 77′000 Franken [62.373 Euro] für Dolmetscher auf, so waren es 2009 rund 87′000 [70.474 Euro] und 2008 gut 90′000 Franken [72.904 Euro].

Die Baselbieter Gerichte geben für Dolmetscherentschädigungen pro Jahr rund 80′000 Franken aus [64.804 Euro], hinzu kommen 25′000 Franken [20.251 Euro], welche das Strafgericht Basel-Landschaft für Übersetzungstätigkeiten aufwenden muss. Die Baselbieter Gerichte verzeichnen «eine steigende Tendenz», erklärt Daniel Maritz, leitender Gerichtsschreiber am Strafgericht, Zwangsmassnahmengericht und Jugendgericht Basel-Landschaft.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Basler Zeitung, 2011-12-04. Bild: uepo-Archiv.]

Übersetzer, die stillen Helfer der Globalisierung

Jeder hat sicherlich schon einmal eine schlecht übersetzte Montageanleitung in den Händen gehabt. Umso mehr wird eine gute Übersetzung geschätzt. Heutzutage wird so viel übersetzt wie nie zuvor – von Weltliteratur, Beipackzetteln bis zum Text auf dem Joghurtbecher. Ohne Sprachdienstleistungen würde die globalisierte Welt nicht mehr funktionieren.

Doch manchmal ist da einfach Hass. “Hass auf den Autor, sein Buch und die ganze Welt”, berichtet die Literaturübersetzerin Brigitte Döbert. Kein Übersetzer gebe solche Phasen seiner Arbeit gern zu, ergänzt sie. Denn oft schlage Hass auf ein Buch später in heiße Liebe um.

Der Bedarf an Übersetzungen wächst kontinuierlich. Nach Angaben des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e. V. (BDÜ) gibt es in der Bundesrepublik Deutschland 40.000 Übersetzer. Innerhalb von acht Jahren hat sich die Zahl verdoppelt. Der BDÜ schätzt die Ausgaben für Schriftgut in anderen Sprachen in Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro im Jahr – mit zehnprozentigen Wachstumsraten.

Nach Untersuchungen des BDÜ benötigen rund 80 Prozent der Unternehmen im Exportland Nr.1 Sprachmittler. Auf der anderen Seite sieht die Situation genauso aus. Da Anleitungen auf Deutsch Pflicht sind, müssen auch Unternehmer aus dem Ausland einen Übersetzer engagieren. Allerdings verläuft dies nicht immer ohne Probleme. Oftmals lesen Kunden seltsame Sätze wie: “Hochangeschlagene Qualität kann geschlagen, gehämmert und gefalten werden.”

Benedikt Hendan, Sachverständiger für Bedienungsanleitungen beim TÜV Süd, hält lediglich ein Viertel der Instruktionen, die er prüft, für korrekt. Oft seien die Anleitungen schon im Ursprungsland mangelhaft, berichtet er. “Da wird ein alternder Ingenieur rangesetzt, der keine Ideen mehr hat. Aber leider auch keine Ahnung von Didaktik.”

Ähnlich wie sich ein Literaturübersetzer in die Romanfigur hineinfühlen muss, braucht ein Technikübersetzer einen Sachverstand und muss sich in die Maschine hineinfühlen. Zudem sollte ein technischer Übersetzer die kulturellen Unterschiede kennen. “In Asien kann eine Betriebsanleitung aussehen wie ein Manga. Bunte Männchen würden bei uns aber nicht funktionieren”, erklärt Hendan. In den Vereinigten Staaten von Amerika sei es Pflicht, darauf hinzuweisen, dass es verboten ist, seinen Hund in der Mikrowelle zu trocknen.

Schlampige Übersetzungen können die Unternehmen im schlimmsten Fall, wenn beispielsweise Unfälle auf fehlerhafte Anleitungen zurückzuführen sind, teuer zu stehen kommen. Dann haftet nämlich das Unternehmen für den Schaden. Was sollte ein Unternehmen in Service inklusive Übersetzung investieren? “Ein Drittel des Produktpreises”, schätzt der Sachverständige beim TÜV Süd.

In Zeiten des Internets versuchen viele, Geld zu sparen und Texte auf Internetportalen o.Ä. kostenlos automatisch übersetzen zu lassen. Die Vize-Präsidentin des BDÜ, Norma Kessler, sieht darin jedoch keine Konkurrenz. “Der Mensch als Übersetzer wird bleiben.” Auch in Zukunft würden Maschinen nicht mit Metaphern und stilistischen Feinheiten zurechtkommen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: n-tv.de, 30.09.2011.]

Wiener Fachkongress “Lost in Translation”: Über Aufgaben und Probleme von Übersetzern

Übersetzer sind mehr als nur Sprachmittler. Sie schieben nicht nur Wörter von einer Sprache in eine andere, sondern erklären einem bestimmten Publikum auch die Zusammenhänge und Hintergründe. Die Schwierigkeit für den Übersetzer besteht nun darin, dass er wissen muss, was er von seinem Publikum erwarten kann, um zu entscheiden, ob er etwas näher beschreiben muss oder eben nicht. “Man muss kein Sprachwissenschafter sein, um ein guter Übersetzer zu sein. Aber was man braucht, ist ein theoretisches Wissen darüber, wie Kommunikation funktioniert, sowie über Kulturen und kulturelle Unterschiede”, sagt Ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Klaus Kaindl (Bild rechts), Übersetzungswissenschafter und Leiter des Kongresses “Lost in Translation” für Forscher und Berufsvertreter in Wien. Eine gute Übersetzung muss kulturelle Unterschiede überbrücken. “Erklären von kulturell bedingtem Verhalten ist das eigentliche Geschäft des Übersetzers”, so Kaindl.

“Hier hat das Badengehen im Sommer Kultur. Im Englischen haben wir keine Wörter für Strandbad, Seebad, Strombad, Waldbad, Badeort oder Baderaum, sondern es gibt nur ‘Pool’ oder ‘Beach’”, erzählt Brett Fitzpatrick, ein in Großbritannien geborener, in Wien ansässiger Übersetzer.

Des Weiteren geht Kaindl auf bestimmte Probleme von Übersetzern ein. Wie sollte ein Übersetzer beispielweise vorgehen, wenn ein Wort in der Zielsprache nicht existiert? Nach Angaben von Kaindl haben Übersetzer mehrere Möglichkeiten. Entweder sie schaffen ein neues Wort oder übersetzen wortwörtlich (dies ist z.B. bei dem englischen Wort “Skyscraper” und der deutschen Entsprechung “Wolkenkratzer” der Fall). Ferner können die Übersetzer schlichtweg Worte weglassen. Dadurch sind Übersetzungen, je nach Sprachrichtung, häufig ein Viertel oder gar ein Drittel kürzer als das Original.

Laut Kaindl handelt es sich beim Übersetzer um eine praktische Tätigkeit, die, um professionell ausgeübt zu werden, wissenschaftliche Reflexion erfordert. “Ein Architekt ist auch kein Wissenschaft[l]er, aber er braucht viel theoretisches Wissen, um ein Haus zu bauen. Genauso ist es auch beim Übersetzen, das dem Spruch zufolge ja auch das zweitälteste Gewerbe der Welt ist.”

Übersetzer und Dolmetscher führen ein Schattendasein. “Wer kennt den Übersetzer der Bücher, die er liest? Niemand. Die Gesellschaft nimmt sie kaum wahr, höchstens wenn ein Fehler passiert”, sagt Kaindl. Doch Übersetzer und Dolmetscher sind für unsere Gesellschaft unabkömmlich. Ohne Dolmetscher gäbe es weder internationale Konferenzen, diplomatische Beziehungen noch Staatstreffen. Allerdings besteht zwischen ihrer Wichtigkeit und Sichtbarkeit ein tiefer Gegensatz. “Ohne Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur”, merkt Kaindl an. Zudem ist Übersetzen Macht, denn die Übersetzung eines Buches nicht der Schriftsteller des Originals, sondern der Übersetzer geschrieben. Aus diesem Grund spielt Berufsethik eine wichtige Rolle. Jeder Mensch hegt bestimmte Erwartungen, aber man darf von einem Übersetzer nicht vollkommene Neutralität voraussetzen. “Es gibt da viele Metaphern. Der Übersetzer soll wie eine Glasscheibe sein, durch die man durchsieht, ohne sie zu bemerken. Das geht nicht. Verstehen ist kein neutraler Akt”, erklärt Kaindl.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: wienerzeitung.at, 17.09.2011. Bild: transvienna.univie.ac.at.]

Filmsynchronisation und Untertitelung für ein hispanoamerikanisches Publikum

FilmrolleAm 7. Juli 2011 hielt Dr. Maribel Cedeño von der Universität Siegen einen Gastvortrag am Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK Germersheim) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zum Thema “Filmsynchronisation und Untertitelung für ein hispanoamerikanisches Publikum. Venezuela als exemplarischer Fall”.

Kurz einige Informationen zu Dr. Maribel Cedeño Rojas: Sie ist in Caracas (Venezuela) geboren, studierte Übersetzen und Dolmetschen an der Universidad Central de Venezuela (UCV) und ist seit dem Jahr 2000 als Übersetzerin audiovisueller Medien tätig. Sie unterrichtete Fachübersetzen und Jugendsprache in Deutschland an der UCV und ist Lektorin für Spanisch an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, an der ihre Dissertation entstand.

Die Mischung des Spanischen und Englischen in Filmen stieß weltweit auf Kritik. Die Kubaner waren die Ersten, die sich gegen Filme in englischer Sprache aussprachen. In Italien, Mexiko und Ungarn wurden fremdsprachige Filme sogar per Gesetz verboten. In der Tschechoslowakei allerdings wurden im Jahre 1930 in den Kinos sogar deutsche Filme gezeigt. In den 30er-Jahren entstanden in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, erste Tonfilme mit Dialogen in spanischer Sprache und damit wurde ein hispanoamerikanischer Filmmarkt geschaffen. Ende der 30er-Jahre gab es dort mehr Sprech- als Stummfilme.

Da die USA viele Kinos in Venezuela gekauft haben, werden US-amerikanische Filme meist synchronisiert. Nicht erfolgreiche Film dagegen werden häufig nur untertitelt. Originalfilme mit Untertiteln sowie die synchronisierte Version und die reinen Originalfilme werden zu verschiedenen Uhrzeiten in Venezuela vorgeführt.

Nun zum technischen Aspekt der Filmsynchronisation. Der Übersetzer bekommt den Film und muss diesen in eine andere Sprache übertragen, der wiederum von Synchronschauspielern besprochen wird. Der Übersetzer muss auf die Aussprache ausländischer Namen, auf Pausen und vor allem bei Großaufnahmen auf die Lippensynchronität achten. Somit hat der Übersetzer die Aufgabe, einerseits den Sinn des Ausgangstextes wiederzugeben und andererseits die Lippenbewegungen im Hinterkopf behalten. Den Darstellern soll der Text nämlich “auf die Lippen geschrieben” werden. Im Anschluss an die Aufnahme wird eine Qualitätsprobe durchgeführt, in der ein Publikum “probeschaut” und ggf. Korrekturen vorgenommen werden.

Die Vorgehensweise bei der Untertitelung unterscheidet sich von der der Filmsynchronisation. Eine Gemeinsamkeit liegt in der Überwindung hörbarer Sprachbarrieren und im kulturellen Transfer. Der Übersetzer erhält das Videomaterial auf DVD oder CD und die Texte werden ihm zusätzlich per E-Mail zugeschickt. Früher wurden ihm die ausgedruckten Texte ausgehändigt. Mit einem bestimmten Programm arbeitet der Übersetzer an dem Zieltext. Hierbei muss er die Ein- und Ausblendezeit der Untertitel sowie die Textmenge beachten, damit der Zuschauer den Untertiteln mühelos folgen kann. Die Sätze sollten klar strukturiert, leicht verständlich sein und nebeneinander gereiht werden. Das Layout, d.h. die Größe oder beispielsweise die Farbe der Untertitel, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Ferner muss die Platzierung der Untertitel berücksichtigt werden. Diese sollten nicht mitten auf dem Gesicht des Schauspielers zu lesen sein. Ist der Übersetzer damit fertig, simuliert er das Endprodukt und schaut, ob die Untertitel zu lang oder kurz sind oder ob der Inhalt des Zieltextes mit dem des Ausgangstextes übereinstimmt. Des Weiteren darf es nicht zu Überschneidungen der Untertitel kommen. Die Untertitelung ist, im Gegensatz zur Synchronisation, kostengünstig, schnell realisierbar und wird aus diesen Gründen oft angewandt. Die Nachteile in Untertiteln liegen darin, dass sie teilweise als störend empfunden werden und von der Handlung des Films ablenken.

Spanisch ist Amtssprache in über 20 Ländern. Somit existieren viele Varietäten des Spanischen. Es gibt unzählige Akzente und Regionalismen. Das Spanisch, das in Spanien gesprochen wird, weicht in der Intonation, Morphologie, Lexik etc. vom hispanoamerikanischen Spanisch ab. Untertitel und synchronisierte Filme sollten aber weder Regionalismen aus Spanien noch aus Hispanoamerika enthalten. Die Filme sollen nämlich einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden können.

Es gestaltet sich schwierig, einen Film ins Spanische zu untertiteln oder zu synchronisieren, da sich die Frage stellt, welche Varietät des Spanisch gewählt werden soll. Aus diesem Grund wurde ein Kompromiss zur überregionalen Verständigung gefunden. Man bedient sich eines sog. “español neutro”, ein Standardspanisch, das das Ergebnis eines Neutralisierungsprozesses sowie plurivalent ist. Alle Personen, ob gebildet oder ungebildet, arm oder reich, sollten dieses Spanisch problemlos verstehen können, da es keine regionalen Elemente enthält. Der argentinische “yeísmo” beispielsweise wird gemieden.

Dennoch gibt es ein Problem, und zwar hört sich das “español neutro” künstlich an, weil es von niemandem gesprochen wird. Die Übersetzer sollen sich an eine Liste mit Tabuwörtern halten, um so auf regional markierte Begriffe zu verzichten. Wörter, die in anderen spanischsprachigen Ländern bestimmte Konnotationen haben, sollen nicht benutzt werden. Dies ist zum Beispiel bei dem Wort “coger” der Fall, das in einigen Ländern Südamerikas sexuelle Konnotationen hat, in Spanien allerdings “greifen” oder “nehmen” bedeutet. Stattdessen wird im Film und Fernsehen die Verwendung der Verben “tomar” oder “agarrar” bevorzugt.

Die empfohlenen Wörter sind zum Teil erfunden. Dies verdeutlicht das nachfolgende Beispiel: Statt “sándwich” soll das Wort “emparedado” für ein “Sandwich” benutzt werden, obwohl “sándwich” überall verbreitet ist und verstanden wird. Um Anglizismen allerdings aus dem spanischen Wortschatz zu verbannen, werden künstliche Begriffe geschaffen, die nur in Untertiteln vorkommen und in der Alltagssprache sonst von niemandem benutzt werden.

Es wird also zwangsweise eine überregionale Lösung gesucht. Weil Mexiko das größte hispanophone Land mit 100 Millionen Sprechern ist, gefolgt von den USA, Spanien, Kolumbien und Argentinien, kennzeichnet sich das neutrale Spanisch insbesondere durch das mexikanische Spanisch.

Da es sich bei der Sprache des Ausgangstextes oft nicht um eine Standardsprache, sondern um einen Dialekt handelt, kann in diesem Fall keine Äquivalenz geschaffen werden. Denn wenn Dialekte der Ausgangssprache mit dem “español neutro” übersetzt werden, in dem es keine Mundarten gibt, geht oftmals der Witz verloren. Die Bedeutung des Gesagten wird verändert und somit erhalten letztlich auch die Figuren im Film einen anderen Charakter. Werden Schimpfwörter, die eine sonst eher zurückhaltende, nette Person benutzt, abgeflacht, werden dem Zuschauer bestimmte, wichtige Aspekte vorenthalten, weshalb man auch durchaus von einer Zensur sprechen kann.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Vortrag am FTSK Germersheim, 07.07.2011; amazon.de. Bild: ktsdesign/Fotolia.]

Nativy: Marktplatz für professionelle Übersetzungen

Nach eineinhalb Jahren Entwicklungszeit startet eine Webplattform für Übersetzungsdienstleistungen auf www.nativy.com. Josef Brunner und Anton Kerschbaummayr (Bild) entwickelten mit Übersetzern aus Wien eine Software für die direkte und einfache Vergabe von Übersetzungsaufträgen. Der Grund für das Projekt für Brunner und Kerschbaummayr lag in der eigenen Erfahrung mit der unprofessionellen Preisfindung und den unausgereiften IT-Lösungen bei Marktplätzen für Dienstleistungen. Die wichtigsten Kriterien für die eigene Softwarelösung waren Verhinderung von Preisdumping, direkter Kontakt mit Übersetzern, Kostenkontrolle, Qualitätskontrolle, professionelle Abwicklung sowie Adminsitration.

Bei der Auftragsvergabe erhält der Kunde einen Vorschlag zu den drei für den Auftrag am besten geeigneten Übersetzern, den Gesamtpreis für die Übersetzung sowie den Liefertermin. Der Kunde hat die Möglichkeit, die vier Vergabekriterien Preis, Zeit, Fachgebiet und bisherige Zusammenarbeit nach eigenen Anforderungen entsprechend zu gewichten. Anschließend kann der Kunde einen der drei vorgeschlagenen Übersetzer auswählen und der Arbeitsprozess beginnt. Zur Qualitätssicherung werden alle angefertigten Übersetzungen von einem zweiten Übersetzer korrekturgelesen.

Bereits 151 professionelle Übersetzer, die von Nativy gemäß der europäischen Norm für Übersetzungsdienstleistungen EN 15038 geprüft wurden, arbeiten mit nativy zusammen und bieten über 30 Sprachkombinationen an. „Wir wollen die Arbeitswelt für freiberufliche ÜbersetzerInnen verbessern und unseren Kunden eine qualitativ hochwertige, rasche und zuverlässige Übersetzungsleistung zu normalen Konditionen bieten“, so die beiden Gründer der Plattform.

Finanziell unterstützt wird Nativy vom Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws) sowie vom universitären Gründerservice INiTS.

[Text: Jessica Antosik. Quellen: nativy.com; inits.at, 24.05.2011. Bild: nativy.com.]

KULTURAUSTAUSCH: Schwerpunkt Übersetzen

Kulturaustausch II+III / 2011

KULTURAUSTAUSCH – Zeitschrift für internationale Perspektiven erscheint seit 60 Jahren vierteljährlich mit dem Ziel, aktuelle Themen der internationalen Kulturbeziehungen aus ungewohnten Blickwinkeln darzustellen. Autoren aus aller Welt tauschen sich über Wechselwirkungen zwischen Politik, Kultur und Gesellschaft aus. Die Zeitschrift erreicht Leser in 146 Ländern. Ein Schwerpunktthema in jeder Ausgabe fokussiert die wachsende Bedeutung kultureller Prozesse in der globalisierten Welt. Kulturaustausch wird vom Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (ifa) und dem ConBrio Verlag in Public Private Partnership herausgegeben und durch das Auswärtige Amt finanziell unterstützt.

Anlässlich des Jubiläums erschien am 2. Mai 2011 eine umfangreiche Doppelausgabe zu einem Schlüsselthema interkulturellen Dialogs – dem Übersetzen. Über die Herausforderung, für fremde Sprachen und Kulturen die richtigen Worte zu finden, berichten Übersetzer aus aller Welt. Sie erzählen, wie wir uns anderen Sprachen annähern, ohne sie jedoch vollständig übertragen zu können.

Internationale Autoren beleuchten die unterschiedlichen Facetten des Themas von der Literaturübersetzung über das Dolmetschen bis hin zu digitalen Übersetzungen im Internet. So hinterfragt die Wissenschaftlerin Esther Allen von der Columbia Universität in New York die zunehmende Bedeutung automatisierter Internetdienstleistungen für die Übersetzungsarbeit. Dass mit aussterbenden Sprachen immer auch kulturelles Wissen verloren geht, beschreibt die Englischprofessorin Suzanne Romaine im Interview. Und Recai Hallaç, der für Angela Merkel und Orhan Pamuk dolmetscht, erzählt, dass er manchmal beim Übersetzen Dinge erfährt, die ihn in Gewissenskonflikte bringen.

Seit dem 2. Mai ist die neue KULTURAUSTAUSCH-Ausgabe II+III / 2011 „What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen” an einigen Bahnhofs- und Flughafenkiosken erhältlich. Ausgewählte Artikel mit weiterführenden Informationen zu Autoren und Themen finden Sie auf der Website der ifa.

[Text: Johanna Bietau. Quelle: Pressemitteilung ifa. Bild: ifa.]


„Übersetzt du noch oder verstehst du schon?“ – Stimuliert die Sense

Der 51-jährige Bernd M. Samland, Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Markenagentur Endmark GmbH in Köln, ist Lehrbeauftragter der Universität zu Köln. Seit 1993 ist er als Markenberater und -entwickler tätig. Des Weiteren wirkt er als Fachbuchautor. In seinem im März erschienenen Buch Übersetzt du noch oder verstehst du schon? hat man die Möglichkeit, in die Wunderwelt der Werbesprache einzutauchen. Der Experte für Werbeslogans bietet einen ultimativen Streifzug durch das Gestrüpp falsch verstandener englischer Werbung – vom “Euro-Schüttelflug” (Air Berlins “Fly Euro Shuttle”) bis zur “Bienen-Inspektion” (”Be inspired” von Siemens Mobile) ist alles dabei. Der Spruch der bekannten Automarke FORD “Feel the Difference” wurde zum Teil mit “Fühle das Differenzial” anstatt mit “Erlebe den Unterschied” übersetzt. Lost in Translation – das Buch führt durch den Dschungel des Werbe-Englisch, amüsiert, liefert aber auch viel Hintergrundwissen. “Komm rein und finde wieder raus” (”Come in and find out” – Douglas). “Sein Buch schafft, was Loewe verspricht: ‘Stimulate your senses’, es stimuliert die Sense.” (Buchszene )

Hier besteht die Möglichkeit, in das Buch reinzublättern.

Zum Buch
Bernd M. Samland: Übersetzt du noch oder verstehst du schon? – Werbe-Englisch für Anfänger. 160 Seiten. ISBN: 978-3-451-30417-0. Verlag Herder, Freiburg, März 2011. 12,00 Euro.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: herder.de; endmark.de. Bild: herder.de.]

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen – Angebotsvergleich bei Übersetzungen

Die Redewendung “Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen” ist eine allseits bekannte Weisheit. Wenn es um Übersetzungsprojekte geht, gilt sie umso mehr, denn Angebotsinhalte sind oft sehr unterschiedlich. Viele schauen auf den Endpreis und wissen nicht, welche Leistungen sie eigentlich dafür erhalten. Während im Supermarkt solche Zustände längst abgeschafft sind und Produktpreise vergleichbar gemacht wurden, stehen wir in der Übersetzungsbranche noch am Anfang. Wer gelegentlich eine Übersetzung zu vergeben hat, spürt die Folgen von Unachtsamkeiten bei Angebotsvergleichen nicht stark. Anders verhält es sich bei Firmen, die in regelmäßigen Abständen Übersetzungen ausschreiben und an den günstigsten Anbieter vergeben.

Welche sind diese einzelnen Leistungen, die zu einem Übersetzungsprojekt gehören? Wenn darüber Klarheit herrscht, lässt sich eine einheitliche Anfrageschablone erstellen, mit der ein wirklicher Vergleich möglich ist. Je langfristiger der Bedarf, desto wichtiger werden erst zweitrangig erscheinende Faktoren wie ein Qualitätssystem nach der DIN EN 15038 Norm oder die Pflege von Translation Memories.

Im Wesentlichen besteht ein Übersetzungsprojekt aus folgenden Aufgaben:

  • Projektverwaltung: Bei komplexen mehrsprachigen Projekten kann es sogar dazu kommen, dass 100 einzelne Arbeitsschritte geplant, überwacht und mit unterschiedlichen Ressourcen produziert werden. Der Projektmanager muss für eine reibungslose Kommunikation aller Beteiligten sorgen und die Einhaltung einzelner Termine überwachen.
  • Terminologieextraktion: Wer Qualität verspricht, braucht meistens Terminologie. Diese notwendige Arbeit ist für den Endkunden nicht immer sichtbar, sie fällt aber bei qualitätsbewussten Anbietern oft an.
  • Übersetzen: Stand der Technik ist der Einsatz von Translation Memories (Übersetzungsspeicher), die angeschafft und konfiguriert werden müssen. Der Import der Texte in das System und der abschließende Export ist auch mit Arbeit verbunden.
  • Qualitätssicherung der Übersetzungen: Die europäische Norm DIN EN 15038 sieht Übersetzungen vor, die komplett nach dem 4-Augen-Prinzip lektoriert sind. Jeder erfahrene Praktiker kann nur bestätigen, dass dies ein absolutes Muss ist. Das gilt umso mehr bei Sprachen, die nicht alle verstehen.
  • Layoutarbeit: Viele Projekte haben eine Layoutkomponente. Aufgrund von Text-längenunterschieden, anderen Silbentrennungsregeln usw. muss das Layout in der Fremdsprache angepasst und anschließend geprüft werden.
  • Einbau von Korrekturen: Manche Projekte werden im Ausland durch Firmenniederlassungen lektoriert, die Änderungs- oder Korrekturwünsche melden. Diese müssen in die Übersetzung eingebaut werden.
  • Aktualisierung und Pflege von Datenbanken: Es geht dabei zum einen um Translation Memories und zum anderen um Terminologiedatenbanken, falls vorhanden. Wer diese Bestände nicht regelmäßig pflegt (z.B. weil unterschiedliche Dienstleister abwechselnd Übersetzungsaufträge erhalten), wird garantiert über kurz oder lang Qualitätsprobleme haben, weil die Inhalte uneinheitlich und manchmal fehlerhaft sind und sich in neue Übersetzungen fortpflanzen.

All diese Aufgaben sind mit Arbeit verbunden und so oder so muss sich diese Arbeit im Preis wieder finden, denn niemand arbeitet umsonst. Niedrige Preise bedeuten oft, dass die eine oder andere Tätigkeit gekürzt wird oder gar nicht erfolgt, wie es meistens bei qualitätssichernden Maßnahmen der Fall ist. Manche Anbieter detaillieren einzelne Positionen ihrer Angebote (z. B. Übersetzung, Layout und Projektmanagement), andere nennen einen Pauschalpreis und weitere einen Einheitspreis (Wort oder übersetzte Zeile) mit oder ohne Abstufung für Wiederholungen und Fuzzy Matches.

Für einen echten Vergleich ist es also sinnvoll, eine Anfrageschablone zu erstellen, die vergleichbare Positionen enthält. Wie detailliert alles sein soll, bleibt jedem selbst überlassen. Wichtig ist es zu definieren, was über die reine Übersetzungsleistung hinaus noch in der Endleistung enthalten sein soll. Man könnte z. B. festlegen, dass man einen Wortpreis für die Übersetzung haben möchte, der alle Leistungen gemäß DIN EN 15038 (sprich Qualitätssicherung des vollständigen Textes nach dem 4-Augen-Prinzip und Datenpflege) einschließlich Projektmanagement enthält, und einen Preis pro Druckseite für das Layout. Das Angebot soll dann Einheitspreis und Mengen (eventuell abgestuft nach Wiederholungskategorie) aufnehmen. Damit lassen sich Äpfel und Äpfel vergleichen und somit das optimale Ergebnis für das Unternehmen erzielen.

[Text: D.O.G. GmbH. Quelle: D.O.G. news 1/11. Bild: © HAKOpromotion - Fotolia.com.]

Übersetzungen im Produktlebenszyklus

Im Mittelpunkt der Entwicklung neuer Produkte steht heute der Lebenszyklus. Dieses Konzept begleitet ein Produkt in allen seinen Lebensphasen von der Geburt bis zur Entsorgung. Teams von Entwicklern, Ingenieuren, Marketingspezialisten denken darüber nach, wie sie bei der Produktspezifikation die Wünsche der weltweit vorhandenen Kunden berücksichtigen, wie sie Wartung und Kundenservice optimal gestalten und wie sie zum Schluss einzelne Komponenten umweltfreundlich recyceln. Aber mit Übersetzungen und teilweise auch mit der Erstellung der Produktdokumentation verlieren diese Teams im Allgemeinen keine Zeit. Es ist an und für sich erstaunlich, wenn man weiß, dass bei Industrieprodukten der Anteil der Dokumentationskosten an den Produktkosten nicht selten 1-3 % ausmacht (Peter Oehmig, 2005: tekom-Regionalgruppe Nord, “Was darf’s denn kosten?”). An Übersetzungen denkt man meistens erst dann, wenn eine fremdsprachige Version zum Einsatz kommen muss. Daran sind je nach Bedarf unterschiedliche Menschen und Abteilungen beteiligt, die in linguistischen Fragen oft wenig miteinander zusammenarbeiten.

“Produkt” ist ein sehr allgemeiner Begriff. Er kann sich auf eine Maschine, auf einen chemischen Stoff, auf eine Dienstleistung oder auf eine Software beziehen, die ja verschiedenartige Dokumentationen und Informationen nach sich ziehen. Tatsache ist aber, dass alle diese Produkte in unterschiedlichen Phasen ihres Einsatzes dokumentiert werden. Wenn man die Liste der Texte zusammenstellt, die sich auf ein Produkt beziehen, staunt man darüber, wie lang diese ist und wo überall Texte entstehen. Produktinformationen finden sich z. B. in Spezifikationen, auf CAD-Plänen, in Zulassungsanträgen, in Softwaretexten, in Handbüchern, in Marketing-Material, in Verträgen und und und. Und vieles davon ist oft in mehreren Sprachen verfügbar. Allein in der EU gibt es 23 Amtssprachen, die für bestimmte Bestandteile einer Dokumentation Pflichtsprachen darstellen, wenn Firmen ihre Produkte in das europäische Ausland vertreiben wollen.

Selten hat dies aber dazu geführt, eine ganzheitliche Übersetzungsstrategie zu entwickeln, die den Übersetzungsbedarf im gesamten Produktlebenszyklus berücksichtigt. Bestenfalls hat man dabei nur einen Teilbereich wie die Übersetzung von Bedienungsanleitungen optimiert. So passiert es immer wieder in der Praxis, dass ein Konstrukteur eine englische Übersetzung für seine Pläne organisiert, die andere Fachwörter verwendet als die Unterlagen, die später Kundendienstmitarbeiter benutzen. Oder der Softwarebenutzer in Brasilien findet in seiner Online-Hilfe Formulierungen, die eindeutig ein Übersetzer aus Portugal erstellt hat. Oft wissen diese einzelnen Übersetzer, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten für unterschiedliche Abteilungen Produktinformationen übersetzen, nichts voneinander und übersetzen dieselben oder ähnliche Sätze immer wieder, weil es keine gemeinsame Übersetzungsdatenbank gibt. Man stelle sich vor, die deutsche Industrie würde nach dieser Methode Maschinen entwickeln! Dass diese Arbeitsweise in Sachen Übersetzungen zu allerlei Fehlentwicklungen führt, ist nachvollziehbar. Zum einen leidet die Qualität darunter. Unterschiedliche Übersetzer bedeuten unterschiedliche Fachwörter und einen uneinheitlichen Schreibstil.

Zum anderen gibt es ein Effizienzproblem. Es ist Stand der Technik, dass professionelle Übersetzer mit Translation Memory Systemen arbeiten. Das Translation Memory speichert alle übersetzten Sätze und dient sie bei neuen Übersetzungsprojekten zur Wiederverwendung an. Das erhöht die Konsistenz der übersetzten Texte und senkt die Kosten … wenn alle Übersetzer tatsächlich solche Translation Memories durchgehend gemeinsam benutzen. Da es aber kein auf den gesamten Produktlebenszyklus ausgerichtetes Übersetzungsmanagement gibt, bestehen in verschiedenen Abteilungen oft Insellösungen zeitversetzt nebeneinander. Übersetzungsdienstleister A hat die Konstruktionsunterlagen übersetzt und speichert die Übersetzung in seinem Translation Memory. Später kommt für die nächste Abteilung Übersetzungsdienstleister B zum Zuge und kümmert sich um die Betriebsanleitungen, wobei er bereits übersetzte Sätze von Dienstleister A nicht wieder verwendet, weil er sein eigenes Memory benutzt. Schließlich übersetzt ein weiterer Dienstleister Marketingunterlagen mit ganz anderen Wörtern. Zusammengefasst heißt dies, dass Unternehmen hier Möglichkeiten verschenken, bereits vorhandene Übersetzungen wiederzuverwenden und eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Corporate wording heißt dies im Fachjargon. Wenn man regelmäßig in mehrere Sprachen übersetzen lässt, ist diese Fragestellung aufgrund der Hebelwirkung mehrerer Sprachen umso wichtiger.

Auch die Arbeit mit diesen sich abwechselnden Übersetzern bedeutet ein Vielfaches an Verwaltungs- und Kommunikationsaufwand. Mitarbeiter müssen Informationen, Definitionen, Erläuterungen mehrfach zusammenstellen. Unterschiedliche Stellen im Unternehmen erstellen ähnliche Anweisungen für unterschiedliche Übersetzer. Die Pflege von Terminologie oder von Übersetzungsdatenbanken erfolgt dezentral und Inhalte sind teilweise redundant.

Zu guter Letzt wirkt sich diese Situation auf den Faktor Zeit aus. Durch den unkoordinierten Einsatz von Übersetzern in Großunternehmen kommt es zu Verzögerungen, Korrekturbedarf und Mehraufwand, die in Einzelfällen den Zeitpunkt der Vermarktung eines Produktes negativ beeinflussen. Das nachträgliche Korrigieren einer Softwareoberfläche kostet Zeit, genauso wie das überflüssige Übersetzen von Texten, weil Translation Memories nicht konsolidiert wurden. Chancen, durch Feinabstimmung und zeitversetzte Arbeit Prozesse zu verkürzen, werden verpasst.

Während vielerorts Produkte über ihre eigenen Grenzen hinaus zu wachsen scheinen, herrscht im Übersetzungsmanagement noch ein sehr großzügiger Umgang mit Qualität und Ressourcen. Noch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der globale Wettbewerb die Optimierung des Übersetzungsprozesses für den kompletten Produktlebenszyklus auf den Radarbildschirm der Mehrheit von Unternehmen bringt. Warum also länger warten?

Aber welche sind die Schritte dorthin? Als Erstes bedarf es einer Bestandsaufnahme. Welche Texte gehören zu einem Produkt? Wer verfasst diese Texte und wer übersetzt sie? Zu welchem Zeitpunkt des Produktlebenszyklus entstehen diese Texte bzw. deren Übersetzungen? Mit welchen technischen Mitteln werden sie produziert? Gibt es eine zentrale Terminologiedatenbank? Wer archiviert die Translation Memories und wo? Danach geht es um die Bewertung der Texte, der Übersetzungen und der Prozesse. Was lässt sich standardisieren (Inhalte, Terminologie, Formate, Verfahren), wo gibt es Reibungsverluste?
Lassen sich Prozesse parallel oder zeitversetzt ausführen, welche Inhalte kann man wiederverwenden?

Mit dieser Analyse kann man die betroffenen Mitarbeiter und Abteilungen an einen Tisch holen und mit Hilfe von Übersetzungsspezialisten den optimalen Prozess und die optimale Technologie für eine auf den gesamten Produktlebenszyklus abgestimmte Übersetzungsstrategie von der Geburt der Übersetzungen an bis zu deren Entsorgung festlegen. Dabei ist die Einbeziehung eines Partners mit globalem Konzept und Erfahrung sicherlich nur von Vorteil.

[Text: D.O.G. GmbH. Quelle: D.O.G. news 1/11. Bild: © JPS - Fotolia.com.]

Geschichte des Übersetzungsdienstes der Europäischen Kommission

Geschichte des Übersetzungsdienstes der Europäischen KommissionAuf 82 Seiten hat die EU-Kommission die Geschichte ihres Übersetzungsdienstes zusammengefasst. Karl-Johan (Juhani) Lönnroth, seit 2004 Generaldirektor der Generaldirektion Übersetzung, würdigt im Vorwort den Beitrag der Übersetzer beim Aufbau der Europäischen Union:

Die Geschichte des Übersetzungsdienstes der Europäischen Kommission ist vor allem die Geschichte von Frauen und Männern, die durch ihren persönlichen Einsatz zur Schaffung der Europäischen Union beigetragen haben. Ohne die Brücken der Übersetzung wäre eine Union zwischen den europäischen Völkern nicht vorstellbar gewesen. […]

Während die Mehrsprachigkeit der Gemeinschaft anfangs eher notgedrungen als pragmatische Lösung hingenommen wurde, ist sie heute ein Alleinstellungsmerkmal und ein Grundprinzip der Europäischen Union. Und natürlich spielt die Übersetzung bei der Wahrung der europäischen Identität eine zentrale Rolle.

Im Laufe dieser fünf Jahrzehnte hat es der Übersetzungsdienst stets verstanden, mit Flexibilität und Innovationsfähigkeit die ungezählten Herausforderungen zu meistern, so dass die EU heute mit ihren 27 Mitgliedstaaten noch ebenso gut funktioniert wie früher mit sechs. Er hat unter Beweis gestellt, dass er den verschiedensten Anforderungen gerecht werden kann, und mit eben dieser Kompetenz und Professionalität wird er sich auch künftigen Herausforderungen stellen. […]

Mit Hilfe der Übersetzer lässt sich das babylonische Sprachengewirr unter Kontrolle halten. Fleißig und unauffällig arbeiten sie für die europäische Idee. Sie beweisen Können und Kreativität, wenn sie neue Gemeinschaftskonzepte in alle europäischen Sprachen übertragen und so für eine weite Verbreitung der europäischen Botschaft sorgen.

Die Anfänge des heute größten Übersetzungsdienstes der Welt waren bescheiden:

Ein Dokument der Hohen Behörde aus dem Jahr 1953 erwähnt eine Gesamtzahl von 35 Übersetzern und Überprüfern (10 Überprüfer auf 25 Übersetzer), aufgeteilt nach Sprachen. Schon von Anfang an besteht neben den vier Sektionen für die Amtssprachen eine englische Sektion, da diese Sprache weltweit in der Schwerindustrie, in der wissenschaftlichen und technischen Literatur sowie im Kohle- und Stahlhandel, insbesondere bei den großen englischen und amerikanischen Handelspartnern, am häufigsten verwendet wird.

Die deutsche Sektion umfasst 12 Übersetzer, die französische 10, die italienische 5, die niederländische 6 und die englische 2. Die Übersetzer des Sprachendienstes der Hohen Behörde werden gelegentlich von externen Übersetzern unterstützt. […]

Den Übersetzern steht ein Pool von Stenograf(inn)en und von Schreibkräften zur Seite, die die Übersetzungen aufnehmen bzw. mit der Schreibmaschine zu Papier bringen. Ein Planungsbüro (Planning) erfasst die ein‑ und ausgehenden Dokumente und überwacht den Fortschritt der Übersetzungs- und Schreibarbeiten. Die Auswahl des Übersetzungspersonals überlässt man damals dem Dienstleiter.

Europäische Kommission (2009): Geschichte des Übersetzungsdienstes der Europäischen Kommission. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union.
79 Seiten, ISBN 978-92-79-08848-3.

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[Text: Richard Schneider. Quelle: Generaldirektion Übersetzung. Bild: Amt für Veröffentlichungen.]