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Archiv der Kategorie Sprache allgemein

Technische Dokumentation: Modularisierung mit System(en)

Modulare Dokumentation bringt Vorteile: “Einmal geschrieben, mehrmals verwendet” reduziert nicht nur den Aufwand (Zeit und Kosten), sondern erhöht auch die Sicherheit der Prozesse und die Qualität der Inhalte. Änderungen erfolgen nur einmal an einer zentralen Stelle und nicht mehrmals in vielen Bedienungsanleitungen.

Obwohl bei Redakteuren und Verantwortlichen weitgehend Konsens über den Nutzen einer Modularisierung herrscht, lässt die Umsetzung oft auf sich warten. Das ist kein Wunder, denn diese Umsetzung bedeutet zuerst einmal Aufwand, bis man vom Ergebnis profitiert.

Wie groß soll ein Modul sein? In der Praxis findet man eine große Bandbreite von Modulgrößen: vom einzelnen Kapitel bis zum kleinsten Textabschnitt. Je kleiner das Modul, desto größer der Verwaltungsaufwand. Ein Modul zu erstellen, ist ein Verwaltungsakt. Dieses Modul muss eine Bezeichnung erhalten. Weitere Informationen wie Status, Version, Attribut werden mit eingepflegt. Bei der Wiederverwendung des Moduls steigt tendenziell der Aufwand im umgekehrten Verhältnis zur Modulgröße. Empfehlenswert sind daher Einheiten, die größer als eine Seite (z. B. ab Überschriftsebene 2 oder 3) sind.

Aber Modul ist nicht immer gleich Modul, denn es geht um unterschiedliche Informationstypen und -zwecke, was wiederum die Granularität und den Inhalt der Module beeinflusst. Es gibt zum einen weitgehend produktübergreifende Module mit allgemeinen Informationen, die relativ groß sein können (ein ganzes Kapitel). Beispiele hierfür sind allgemeine Sicherheitshinweise, Hinweise zum Transport oder zur Entsorgung oder in einem Softwarehandbuch ein Abschnitt über die Schreibkonventionen. Auf der anderen Seite gibt es Module, die eine bestimmte Funktion oder eine konkrete Handlung beschreiben. Diese Module sind oft etwas kleiner.

Hat man ein Konzept über die Größe der Module festgelegt, dann muss man noch diese Module erstellen. Aus vorhandenem Material lassen sich wiederverwendbare Teile identifizieren und vereinheitlichen. Komponenten von Maschinenfamilien, Fahrzeugen, Anlagen, Softwareprodukten werden selten komplett neu entwickelt. Auch in der Fertigung gibt es modulare Entwicklungskonzepte. Diese Tatsache kann sich der Redakteur zunutze machen. Aus vorhandenen Dokumentationen kann er folgende Modultypen generieren:

  • Einmalige Module, die nur für eine Anlage gelten.
  • Module allgemeiner Natur wie Sicherheitshinweise, die in allen Dokumentationen eingesetzt werden.
  • Module, die potenziell in mehreren Dokumenten wiederverwendbar sind.

In der letzten Gruppe steckt das größte Potenzial. Die Herausforderung besteht nun darin, aus den vielen unterschiedlichen Formulierungen universell einsetzbare Module zu erstellen. Im Grunde haben wir hier folgende Situationen:

  1. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Varianten sind relativ gering. Sie sind zum Teil rein sprachlich (unterschiedlicher Stil und Terminologie). In solchen Fällen ist die Vereinheitlichung der Versionen zu einem einzigen Modul relativ einfach zu bewältigen.
  2. Es gibt deutliche Informationsunterschiede, obwohl die Funktion oder die Komponente verwandte Aufgaben erfüllen soll. Diese Unterschiede können sein: andere Bezeichnungen oder Maße, zusätzliche Funktionen oder Leistungen bei einer Produktvariante, besondere Bedienhinweise von Fall zu Fall, andere Abbildungen. Hier hat man grundsätzlich die Option, a) entweder zwei Module zu produzieren, wenn die Unterschiede nicht überbrückbar sind, b) mit bedingtem Text zu arbeiten (wenn die eingesetzten Werkzeuge dies unterstützen) oder c) die Varianten klar als Alternative im Modul darzustellen: “Wenn Sie die Maschine ABC123 haben, dann Handlung 1, wenn Sie die Maschine ABC456 haben, dann Handlung 2.”

Zwangsläufig geht das Thema Standardisierung mit dem Thema Modularisierung einher. Wir würden hiermit den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber das bedeutet:

  • Es gibt eine standardisierte Terminologie, die alle an der Dokumentation Beteiligten verwenden. In dieser Terminologie werden auch verbotene Benennungen erfasst.
  • Es gibt einen Style Guide mit Anweisungen über Satzlänge, Anzahl der Nebensätze, Formulierung von Befehlen usw. Es gibt zusätzlich Qualitätssicherungsmaßnahmen, um zu gewährleisten, dass unterschiedliche Autoren einheitliche Dokumente produzieren.
  • Es gibt standardisierte Layoutvorlagen.
  • Es gibt einen standardisierten Informationsaufbau, z. B. über die Art und Weise wie Handlungsanweisungen formuliert sind.

Wie soll ein modulares System aussehen? Je nach Investitionsbereitschaft, Beschaffenheit der Dokumentation und Prozessen gibt es unterschiedliche Ansätze. Eine schlichte Lösung besteht in der Verwaltung von Mikro-dokumenten, die einzeln zusammengelegt sind. Zur Ablage und Benennung der Mikrodokumente (ein Dokument = 1 Modul) dient eine Nomenklatur, die Produkte und deren Einsatz widerspiegelt. Größer ausgelegte Lösungen basieren auf Redaktionssystemen, für die es wiederum eine große Bandbreite von Varianten gibt [1] .

Wenn das Konzept einmal steht, ist die Umsetzung die größte Hürde. Bei mangelnden internen Ressourcen kann man immer einen externen Dienstleister mit der Migration der Dokumentation bzw. mit Teilaufgaben beauftragen, was aber nicht ganz ohne interne Ressourcen für die Betreuung geht. Zu empfehlen ist ein Start mit einem überschaubaren und nicht zeitkritischen Pilotprojekt, um zuerst Erfahrungen zu sammeln und das Konzept zu verfeinern.

[1] “Effizientes Informationsmanagement durch spezielle Content-Management-Systeme”, CMS-Studie (2. Auflage), tekom 2008, Prof. Wolfgang Ziegler, Daniela Straub

[D.O.G. Dokumentation ohne Grenzen GmbH. Quelle: D.O.G. news 4/2011, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Dr. François Massion.]

Jugendsprache: Aufruf zur Gelassenheit von Nils Bahlo

“Ich hör’ es gerne, wenn die Jugend plappert: Das Neue klingt. Das Alte klappert.” Dieses Zitat von Goethe beschreibt ein seit jeher existierendes Phänomen – das der Jugendsprache. Alle Sprachen, auch die Jugendsprachen, sind lebendig und entwickeln sich kontinuierlich weiter. Im Allgemeinen ist das in der Öffentlichkeit geprägte Bild von Jugendsprache eher negativ belastet. Mit der Jugendsprache, die Jugendliche unter Gleichaltrigen benutzen, grenzen sie sich von den Erwachsenen ab, schaffen auf diese Weise ein Zusammengehörigkeitsgefühl und bilden ihre Identität. Heutzutage wird die Jugendsprache vor allem durch die Medien, die Globalisierung und den Immigrationsstrom beeinflusst.

Einige sprechen von einem “Sprachverfall”, andere von einem “Sprachwandel”. Der Sprachwissenschaftler Nils Bahlo (Bild rechts) ruft zu mehr Gelassenheit auf. Er war 2009/10 an der Freien Universität Berlin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Projekt “Jugendsprache im Längsschnitt”, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aus Steuergeldern finanziert wurde. In einem Gespräch mit der Berliner Morgenpost berichtet er über die Jugendsprache. Auf die Frage “Was ist vor allem typisch für die Jugendsprache heute?” antwortete er:

Es gibt gar nicht die eine Jugendsprache. Schon in Berlin sprechen die Jugendlichen nicht überall gleich. Das hängt von vielen Faktoren ab. Es handelt sich eher um verschiedene jugendsprachliche Stile. Diese Stile unterscheiden sich hinsichtlich der Zeit, der Situation, des soziokulturellen Hintergrunds und der Region. Typisch für die Jugendsprache insgesamt sind emotionale Marker. Das hängt mit der Entwicklung der Jugendlichen während der Pubertät zusammen. Emotionalität und Expressivität spielen in dieser Phase eine wichtige Rolle. Auch der Gebrauch von Platzhaltern wie “dings” oder “hier” ist auffällig, um den Gesprächsfluss nicht abbrechen zu lassen. Generell auffällig ist in Großstädten wie Berlin der starke Einfluss aus dem türkisch-arabischen Raum: Zum einen zeigt sich das in bestimmten Ausdrücken wie “Cüs” oder “Yallah”, zum anderen im Weglassen des Artikels, denn im Türkischen gibt es keine Artikel. Mit sprachlichen Versatzstücken aus unterschiedlichen medialen Kontexten basteln sich Jugendliche ihre eigene Sprache zusammen.

Hinsichtlich des Einflusses der englischen Sprache sagt Nils Bahlo, dass Englisch als Weltsprache tagtäglich Einfluss auf unseren Sprachgebrauch habe. Dennoch sei die Anzahl an Anglizismen in der Jugendsprache nicht signifikant erhöht.

Die nächste Frage der Berliner Morgenpost lautet: “Jedes Jahr werden von manchen Verlagen Sprachführer für Jugendsprache herausgebracht und das Jugendwort des Jahres gekürt. In den vergangenen Jahren wurden Begriffe wie Gammelfleischparty (Ü-30-Party), hartzen (rumhängen) und Niveaulimbo (ständiges Absinken des Niveaus) gekürt. Sind diese Begriffe wirklich authentisch?” Diese Frage beantwortete Bahlo wie folgt:

Nicht zwangsläufig. Diese Wörterbücher basieren auf den Ideen kreativer Medieninstitute bzw. dem Eintrag auf Webseiten. Dabei muss der kreative Kopf nicht unbedingt jugendlich sein. Stellt man Jugendlichen solche Wortlisten vor, stellt sich schnell heraus, dass vieles erfunden ist. Das liegt natürlich auch daran, dass der Kontext bzw. die situative Einbettung fehlt. Jugendsprache ist nur dann authentisch, wenn sie zwischen Jugendlichen ausgetauscht wird. Hinzu kommt, dass es ja nicht die eine Jugendsprache gibt, sondern viele Spielarten. Was für den einen Jugendlichen gängiges Vokabular ist, ist für den anderen unverständlich und unauthentisch. Ich glaube aber auch nicht, dass es das Ziel der Verlage ist, das Geheimnis der Jugendsprache zu lüften. Sie wollen eher durch die Kreativität amüsieren – und das gelingt ihnen ja recht gut.

Auf die Frage, ob die Jugendsprache eine Modeerscheinung sei, gab Bahlo folgende Antwort:

Sicher, jede Sprachveränderung unterliegt der Mode. Das war schon immer so und lässt sich gar nicht unterbinden, auch wenn viele Kritiker durch neue Einflüsse einen Sprachverfall befürchten. Aber wo soll man da ansetzen, was ist der Maßstab, an dem man sich orientieren soll? Ist es das Deutsch zu Goethes Zeiten? Viele Ausdrücke aus der Jugendsprache gelangen nach einiger Zeit in die allgemeine Umgangssprache. Vor 50 Jahren gehörte das Wort “toll” zum Beispiel zur Jugendsprache, heute sagt es jeder. Und “ey” war 1990 noch absolut jugendsprachlich, steht aber inzwischen sogar in der Dudengrammatik. Ebenso ist das Wort “geil” heute schon umgangstauglich. Vor 30 Jahren hatte es noch eine eindeutig sexuelle Konnotation, heute wird es von dem ursprünglichen Kontext losgelöst im Sinne von “toll” oder “lustig” gebraucht und gehört eher zum Sprachgebrauch der 30- bis 40-Jährigen, als der Jugendlichen. Auch das Wort “cool” spielt bei den Jugendlichen heute kaum noch eine Rolle.

Eine weitere Frage der Berliner Morgenpost lautete wie folgt: “Besteht nicht trotzdem die Gefahr des Sprachverfalls, wenn Jugendliche keine Artikel mehr verwenden?”

Man sollte die sprachlichen Veränderungen nicht überschätzen. Der Wortschatz der Jugendlichen ist nah am Standardwortschatz dran, die Abweichungen, Varianten und neuen Vokabeln machen nicht einmal zehn Prozent aus. Aber in der Tat entsteht dann ein Problem, wenn Jugendliche nicht mehr in der Lage sind umzuschalten, wenn sie ihre Sprache nicht mehr an die jeweilige Situation anpassen können.

Den kompletten Artikel können Sie auf der Website der Berliner Morgenpost lesen, die Projekt-Website finden Sie unter www.jugendsprache-berlin.de.

Mehr zum Thema auf uepo.de
2011-10-11: Das PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2012 ist da - unzensiert
2010-10-30: Die Jugend von heute disst, chillt, dancet und checkt ab
2008-12-20: Das Jugendwort des Jahres 2008: Gammelfleischparty

[Text: Jessica Antosik. Quelle: morgenpost.de, 23.10.2011. Bild: fu-berlin.de.]

Über den dreißigjährigen Rechtschreibkrieg

Im Jahre 1996 beschlossen die Kultusminister Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in Wien die Einführung der Rechtschreibreform an allen Schulen und Behörden für 1998. In der Abschlusserklärung des ersten Wiener Gesprächs von 1986 wurden die Ziele einer Rechtschreibreform wie folgt umrissen: “Grundsätzliches Einvernehmen wurde darüber erzielt, die auf der Orthographischen Konferenz von 1901 in Berlin erreichte einheitliche Regelung der deutschen Rechtschreibung den heutigen Erfordernissen anzupassen. Insbesondere geht es darum, die in vielen Teilbereichen der Rechtschreibung im Laufe der Zeit kompliziert gewordenen Regeln zu vereinfachen.”

Sowohl wegen der angestrebten Änderungen der Rechtschreibung als auch wegen der Vorgehensweise bei der Durchsetzung war die Reform von Anfang an umstritten und führte zu Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern. Die Verlage erwarteten Umstellungskosten in dreistelliger Millionenhöhe. Auch Juristen und Politiker meldeten Bedenken an. Damals forderte u. a. der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk in der “Frankfurter Erklärung” zu einem Stopp der Reform auf. Die Argumente lauteten: Milliardenteuer, wissenschaftlich unhaltbar, unpädagogisch und undemokratisch durchgesetzt. Einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach 1997 zufolge waren rund 70 Prozent der Deutschen gegen die neuen Regeln. “Überflüssig wie ein Kropf”, meinte sogar der damalige Bundespräsident Roman Herzog (CDU).

Doch wie steht es heute um die Rechtschreibreform? Ist der Konflikt gelöst? Die Antwort ist: Jein. Es gibt im Schritttempo voran. Die Widerspruchsbeseitigung und Regelvereinfachung sind nur in Maßen gelungen. Die Reformgegner sind darüber erbost, dass oftmals zwei Schreibweisen eines Wortes zugelassen sind. 2009 waren der Berliner Forschungsgruppe Deutsche Sprache 350 Fälle bekannt, in denen die damals neu erschienenen Ausgaben der maßgeblichen Rechtschreibwörterbücher “Duden” und “Wahrig” voneinander abwichen. Die größten Unterschiede lagen in der Eindeutschung von Fremdwörtern. Der “Duden” ging hier oft weiter und plädierte für “Schimäre”, “tschau” oder “Kakofonie”, wohingegen der “Wahrig” zu “Chimäre”, “ciao” und “Kakophonie” riet. Zudem fanden die Berliner Forscher im „Duden“ die Schreibweisen “bei Weitem”, “seit Neuestem” und “dahin gehend”, während der „Wahrig“ an “bei weitem”, “seit neuestem” und “dahingehend” festhielt. Heiß diskutierte, vorgeschlagene Neuregelungen wie beispielsweise “Keiser” statt „Kaiser“, “Pitza” statt „Pizza“ oder “Bot” statt „Boot“ wurden von der Kultusministerkonferenz bereits 1996 als unannehmbar zurückgewiesen.

Auf einige alternative Schreibweisen könnte man jedoch durchaus verzichten, da sich im Alltagsgebrauch bestimmte Varianten durchgesetzt haben. Der Rat für die deutsche Rechtschreibung hat im Juli 2011 die Löschung von “Butike” (Boutique), “Fassette” (Facette), “Krem” (Creme), “Maffia” (Mafia), “Myrre” (Myrrhe), “Scharm” (Charme), “Sketsch” (Sketch) und “transchieren” (tranchieren) empfohlen.

Die Neuregelungen der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 gliedern sich in folgende Bereiche:

  • Die Beziehung zwischen Lauten und Buchstaben (hierunter fallen auch die Regeln zur Schreibung von Fremdwörtern);
  •  Groß- und Kleinschreibung;
  •  Getrennt- und Zusammenschreibung;
  •  Schreibung mit Bindestrich;
  •  Zeichensetzung;
  •  Worttrennung am Zeilenende (die nach der Neuregelung nicht mehr unbedingt eine Silbentrennung ist).

Zu einer der leichtesten und nachvollziehbarsten Regelungen zählt die heysesche s-Schreibung. Die adelungsche s-Schreibung wird in der traditionellen deutschen Rechtschreibung verwendet. Nach der reformierten Schreibung steht “ß” (Eszett) nur noch nach einem langen Vokal und nach einem Diphthong: Maß, außen, gießen. Nach einem kurzen betonten Vokal steht “ss” nicht mehr nur, wenn ein weiterer Vokal folgt, sondern auch vor Konsonanten und am Silbenende, wo in traditioneller Schreibung ein “ß” steht (Fluss, muss, nass, Riss, wässrig).

Dreifachkonsonanten standen nach der alten Rechtschreibung nur dort, wo der folgende Bestandteil eines zusammengesetzten Wortes mit einer Konsonantenkombination beginnt: “Sauerstoffflasche”, “Werkstatttreppe”. Beginnt der folgende Wortbestandteil mit nur einem Konsonanten, der dem vorangehenden Doppelkonsonanten gleicht, so wurde in der Zusammensetzung einer der drei gleichen Konsonanten weggelassen. In der reformierten Schreibung bleiben immer alle drei Konsonanten erhalten, so dass Dreifachkonsonanten jetzt recht häufig auftreten, beispielsweise in “Schifffahrt”, “Schritttempo”, “wettturnen” und “Flusssenke”.

Der Hauptschauplatz der Reform ist das weite Feld der Groß- und Klein- sowie Getrennt- und Zusammenschreibung. Der frühere rheinland-pfälzische Kultusminister Georg Gölter (CDU) prangerte die Absurditäten der Rechtschreibreform an und erklärte den Unterschied, den der “Duden” zwischen “in bezug” und “mit Bezug” macht, für “völlig belanglos”.

Der Kampf um die Reform war ein seit etwa 1980 währender “Dreißigjähriger Krieg” und ähnelte dem historischen Vorbild darin, dass er insbesondere wegen allgemeiner Erschöpfung endete. Zudem kam es, wie von 1618 bis 1648, im Dreißigjährigen Rechtschreibkrieg zu spektakulären Seitenwechseln. Zahlreiche Reformer wurden mit der Zeit zu Reformgegnern.

Im Juli 2005 wiederholte das Institut für Demoskopie in Allensbach seine Untersuchung zur Akzeptanz der Rechtschreibreform unter der Bevölkerung. Die Reform stoß in der Bevölkerung nach wie vor auf wenig Zustimmung: Lediglich 8 Prozent der Befragten waren Befürworter der Reform, eine deutliche Mehrheit von 61 Prozent sprach sich gegen die Reform aus. Ob man trotz dieser Zahlen von einer “Schlechtschreibreform” sprechen kann, bleibt offen. Festzuhalten ist dennoch 1., dass die Reform fünf Jahre, nachdem sie am 1. August 2006 endgültig Gesetzeskraft erlangt hat, wie einige Beispiele gezeigt haben, immer noch reformbedürftig ist und 2., dass sich weniger Personen über die Reform aufregen als bei ihrer Einführung und die Korrekturen – wenn auch zähneknirschend – akzeptieren. Schließlich haben die Medien und die Deutschschreiber letztlich den größten Einfluss auf die deutsche Rechtschreibung.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: focus.de, 21.12.1996; wikipedia.de; welt.de, 09.10.2011. Bild: Túrelio (via Wikimedia-Commons), Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-2.5.]

Einfach, schnell und kostenlos Slowakisch lernen

Deutsch wird als Muttersprache von der größten Sprachgruppe in der Europäischen Union gesprochen. Zählt man jedoch die EU-Bürger mit Fremdsprachenkenntnissen hinzu, beherrscht Englisch das Feld. Slowakisch wird weltweit von etwa sechs Millionen Menschen gesprochen. Die westslawische Sprache gehört zu einer der 23 EU-Amtssprachen. Bisher interessierte sich die Gesellschaft relativ wenig für die mitteleuropäische Sprache.

Dies soll das mehrsprachige Sprachenportal “Slovak Online” (slovake.eu) nun ändern. Diese mehrsprachige Internetseite ermöglicht ein kostenloses Studium der slowakischen Sprache mittels E-Learning. Die Plattform beinhaltet Sprachkurse auf verschiedenen Ebenen (A1 und A2 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen) mit vielen Übungen, Spielen und Wörterbüchern. Die Stufen sind in thematische Kapitel eingeteilt und mit Audio- und Videoaufzeichnungen ausgestattet. So kann man sich mit der Grammatik vertraut machen und Vokabeln lernen. Es besteht auch die Möglichkeit, mit anderen Benutzern der Seite zu kommunizieren. Darüber hinaus finden sich auf der Website Tests zur Überprüfung der Sprachkenntnisse sowie ein Verzeichnis nützlicher Redewendungen. Zudem gibt es viele Informationen über die Slowakei – ein mitteleuropäisches Land mit interessanter Geschichte, schöner Landschaft und zahlreichen Touristenzielen.

Das Projekt “Slovak Online” wird von der EU-Kommission aus dem Programm KA2 – languages, innerhalb des Programms für lebenslanges Lernen, gefördert. Am 13. März 2011 wurde die Website slovake.eu freigeschaltet. Das Projekt einer Lehr- und Lernplattform zum Slowakisch-Lernen ist auf Grund des internationalen Projektes “lernu!”, eines Internetportals zum Esperanto-Lernen, entstanden. Das Projekt www.lernu.net läuft seit Dezember 2002 und gilt als die größte Webseite, um die internationale Sprache Esperanto zu erlernen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: slovake.eu. Bild: wikipedia.de.]

Mehrsprachige Erziehung: Sprechen-Lernen wie Laufen-Lernen

Heutzutage ist mehrsprachige Erziehung keine Seltenheit mehr. Laut des deutschen Bildungsberichts “Bildung in Deutschland 2010″ haben bis zu 72 Prozent der Kleinkinder in deutschen Ballungsräumen einen Migrationshintergrund.

Doch worin liegen die Schwierigkeiten in einer mehrsprachigen Erziehung? Ab welchem Alter sollten Kinder mehrsprachig erzogen werden? Wie viele Sprachen können Kinder lernen? Fangen mehrsprachig aufwachsende Kinder erst später an zu sprechen? Muss mehrsprachige Erziehung konsequent ab der Geburt praktiziert werden? Ist mehrsprachige Erziehung nur in binationalen Familien sinnvoll? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. Janet Grijzenhout (Bild rechts), Professorin für anglistische Sprachwissenschaft und Leiterin des Babysprachlabors an der Universität Konstanz. Sie erforscht u. a. den frühkindlichen Spracherwerb.

Nachfolgend ein Auszug aus einem Interview mit Grijzenhout beim Südkurier.

Funktioniert mehrsprachige Erziehung bei jedem Kind?
Ob mehrsprachige Erziehung funktioniert, hängt eigentlich nicht so sehr vom Kind ab, sondern von seiner Umgebung. Jedes gesunde Menschenkind ist in der Lage, eine oder mehrere Sprache zu erwerben. Bei Menschen funktioniert das Sprechen-Lernen wie das Laufen-Lernen: Bei der Geburt können Babys keine Sprache und sie können nicht laufen. Zuerst muss das Baby seinen Körper stärken und seine Lungen üben, damit es überhaupt auf den Beinen stehen, seine Stimme besser benutzen kann und seinen Mund und seine Zunge so bewegen kann, dass es einen “p”-Laut oder ein “m”-Laut produzieren kann. Was ein Kind sonst noch braucht, um eine oder mehrere Sprachen zu erwerben, ist eine bestimmte kritische Menge von “Sprache-Input” und die Notwendigkeit, selbst die Sprache anzuwenden. Mit anderen Worten: Für eine gesunde Spracherwerbsumgebung ist es wichtig, dass das Kind genügend “Angebot” in der beziehungsweise den jeweiligen Sprachen bekommt und das gelingt nur, wenn man mit seinem Kind kommuniziert.

Gibt es bei Geschwister-Paaren Unterschiede?
In vielen Familien funktioniert die zweisprachige Erziehung beim ersten Kind am Anfang ganz gut. Beim zweiten und dritten Kind sollte man sich klar machen, dass das Kind Sprache-Input von seiner gesamten Umgebung bekommt, also auch von seinen Geschwistern. Kinder entwickeln auch unter sich eine bevorzugte Sprache. Damit wird das zweite Kind also wesentlich häufiger mit einer der zwei Sprachen konfrontiert. Das führt oft dazu, dass das zweite Kind den Eindruck bekommt, dass die eine Sprache wichtiger oder gebräuchlicher ist als die andere. Die Motivation, die andere Sprache anzuwenden und zu pflegen, nimmt unter diesen Bedingungen beim zweiten Kind ab. Bei vielen Geschwister-Paaren beobachten wir deshalb, dass das zweite Kind nicht im gleichen Maße zweisprachig aufwächst wie das erste.

Sind bestimmte Sprachen oder Sprachkombinationen einfacher für Kinder zu lernen als andere?
In Prinzip ist es für ein chinesisches Kind genau so einfach, Chinesisch zu lernen wie für ein deutsches Kind Deutsch. Es gibt also aus Sicht des Babys keine einfache oder schwierige Sprache: Jedes Kind erwirbt in etwa den gleichen  Schritten und dem gleichen Tempo seine Muttersprache. Bei mehrsprachigen Kindern gibt es schon Einflüsse von der einen auf die andere Sprache. Professorin Conxita Lleó und ihre Mitarbeiter an der Universität Hamburg haben zum Beispiel herausgefunden, dass Kinder, die gleichzeitig Deutsch und Spanisch erwerben, im Vergleich zu Kindern, die nur Spanisch lernen, einen Vorteil bei Spanisch hatten. Das Deutsche hat relativ viele geschlossene Silben (wie in “Bett”, “Kind”, “Löffel”) und die mehrsprachigen Kinder hatten im Spanischen einen Vorteil dadurch: Im Spanischen haben diese Kinder Wörter mit geschlossenen Silben schneller erworben als gleichaltrige monolinguale Kinder. Es kann aber auch sein, dass es in ganz wenigen Fällen zu einer Verzögerung im Erwerb einer der beiden Sprachen kommt, weil die andere bestimmte Eigenschaften hat, die es für das Kind schwieriger machen, diese Eigenschaft in der anderen Sprache zu unterdrücken.

Das komplette Interview können Sie auf der Website des Südkuriers abrufen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: bildungsbericht.de; suedkurier.de, 29.09.2011. Bild: uni-konstanz.de.]

bpb: Gendern in der Sprache

Im November 2011 findet im Medienzentrum der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Bonn das 13. bpb-Forum statt. Das Thema der Veranstaltung lautet: “Gendern in der Sprache”.

Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt über das Thema sowie Forum Folgendes:

Über die Vor- und Nachteile inklusiver Sprache – also der Verwendung männlicher und weiblicher Begriffe gleichermaßen – wird viel diskutiert. Die einen sagen: “Wir sind doch alle gleichberechtigt! Und wenn nicht, lässt sich Gleichberechtigung bestimmt nicht über Sprache generieren.” Die anderen dagegen meinen, Sprache könne die Gleichberechtigung fördern, denn “Sprache prägt und verändert das Bewusstsein.” Die Medienwelt verschließt sich dem Phänomen “gegenderte Sprache” nahezu komplett und argumentiert: “Steht nicht im Duden und ist außerdem viel zu lang.” Wie viel ist dran an diesen Positionen? Können Grammatikregeln tatsächlich gesellschaftliche Wirklichkeit beeinflussen? Gibt es eine Alternative zu Binnen-I und Gender-Gap? Ein Streitgespräch mit Sprachwissenschaftlern/ innen und Journalisten/innen zum Thema Gendern in der Sprache.

Weitere Informationen zum Forum sowie zur Anmeldung finden Sie auf der Website der bpb.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: bpb.de. Bild: bpb.de.]

Wie die Ursprache aufgebaut war

Unter Syntax versteht man die Lehre vom Satzbau. Die Syntax als Teil der Grammatik behandelt die Muster und Regeln, nach denen Wörter zu größeren funktionellen Einheiten wie Teilsätzen (Phrasen) und Sätzen zusammengestellt und Beziehungen zwischen diesen formuliert werden. In den meisten indogermanischen Sprachen wie dem Englischen oder Deutschen sieht die bevorzugte Satzstellung wie folgt aus: Subjekt (S) – Prädikat (P) – Objekt (O), d.h. “Peter isst ein Eis.”. Da Ausnahmen die Regel bestätigen, gibt es insbesondere in Fragen und Nebensätzen, wie beispielsweise im Deutschen, oftmals Abweichungen von der SPO-Regel. In deutschen Nebensätzen gilt die Folge Subjekt – Objekt – Prädikat. Durch die veränderte Satzstellung ändert sich jedoch nicht Grundaussage, sondern der Schwerpunkt. Ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Hans baut im Wald mit seinem Freund eine riesige Baumhütte.
Im Wald baut Hans mit seinem Freund eine riesige Baumhütte.
Mit seinem Freund baut Hans im Wald eine riesige Baumhütte.
Eine riesige Baumhütte baut Hans im Wald mit seinem Freund.
Hans baut eine riesige Baumhütte im Wald mit seinem Freund.

Als unsere Vorfahren vor rund 50.000 miteinander sprachen, geschah dies möglicherweise nach dem Prinzip: Subjekt  – Objekt – Prädikat. “Du Tiere jagen.” Davon gehen die beiden US-amerikanischen Sprachforscher Murray Gell-Mann vom Santa Fe Institute und sein Kollege Merritt Ruhlen (Bild rechts) von der Stanford University aus. Im Laufe der Entwicklung zu den modernen Sprachen habe sich diese Abfolge auf unterschiedliche Weise verändert. Alte, teilweise bereits ausgestorbene Sprachen, folgen in der Regel dem S-O-P-Muster. Die beiden Forscher ziehen daraus den Schluss, dass eine mögliche Ursprache der Menschheit auch diese Struktur besaß. Die Linguisten untersuchten den Satzbau und die geschichtliche Entwicklung von über 2.100 heute bekannten Sprachen. Der Satzbau nach dem S-O-P-Muster war bei 1008 der analysierten Sprachen zu finden. 164 Sprachen basierten auf einem PSO-Muster, in 40 Sprachen gab es die P-O-S-Konstruktion. Äußerst selten stoßen die Sprachwissenschaftler auf OPS- und OSP-Folgen.

Aus den Daten erstellten Gell-Mann und Ruhlen einen Stammbaum der Sprachstrukturen, den sie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) vorstellen. Hier finden Sie die PDF-Datei von PNAS mit Angaben zu den Sprachen und Satzstellungen.

Viele Linguisten sind der Ansicht, dass alle heutigen Sprachen aus einer gemeinsamen Ursprache entstanden sein könnten. Wie diese Mutter aller Sprachen aussah und wann sich die Aufspaltung in die verschiedenen Sprachfamilien ereignete, ist jedoch strittig. Des Weiteren sind zahlreiche Forscher der Meinung, dass der Satzbau vorwiegend horizontal weitergegeben wird – beispielsweise durch die Übernahme der Sprachmuster von benachbarten Volksstämmen. Gell-Mann und Ruhlen sind diesbezüglich anderer Ansicht und sagen: “Unsere Studie deutet darauf hin, dass keine dieser Vorstellungen korrekt ist.” Sie gehen von einer vertikalen Weitergabe der Sprache von den Eltern an die Kinder aus.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: dradio.de, 11.10.2011; wissenschaft.de, 11.10.2011; g-o.de; pnas.org; wikipedia.de. Bild: wikipedia.org.]

Neurolinguistik: Verschiedene Hirnareale für Syntax und Semantik?

Gehirn-ArealeFranz Josef Gall nahm Ende des 18. Jahrhunderts an, dass die Fähigkeit zur Worterkennung und -speicherung im Stirnlappen lokalisiert werden müsse. Je begabter ein Mensch, desto voluminöser das entsprechende Areal im Frontalhirn. Durch den erhöhten Platzbedarf werden die Augen aus dem Schädel herausgedrückt. Diese sog. Lokalisationstheorie, nach der ein Sprachzentrum im Frontallappen existiert, stieß auf viele Anhänger wie beispielsweise Pierre Paul Broca, den Namensgeber des Broca-Areals. Das Broca-Areal im Stirnlappen der Großhirnrinde galt als Ort der Sprachproduktion. Hier verortete man später die Grammatikzentrale des Gehirns. Im Wernicke-Areal des Schläfenlappens wurde das Sprachverständnis lokalisiert. Zu den Gegnern gehörte Sigmund Freud, der sich in seinem 1891 erschienenen Buch Zur Auffassung der Aphasie gegen die Lokalisationstheorie aussprach. Doch Freuds Argumente wurden aufgrund seiner umstrittenen psychoanalytischen Denkweise geringgeschätzt. Aus diesem Grund hat die Lokalisationsperspektive, nach der sich die Grammatik hirnphysiologisch von anderen Aspekten der Sprache strikt trennt, seit vielen Jahrzehnten Bestand. Inzwischen gilt dieser Ansatz aber als überholt.

Mitteleuropäer sind es gewohnt, Sprachen in ihre einzelnen Bestandteile, das bedeutet also Grammatik, Bedeutung von Wörtern und Aussprache aufzuspalten. Dieses Baukastenprinzip stammt von der griechisch-römischen Grammatiktradition. Vor 2000 Jahren unterschied diese zwischen der Syntax und der Semantik. Auch die moderne Neurolinguistik war der Ansicht, dass unser Denkorgan im Umgang mit Sprache diesem Baukastenprinzip folge. Begründet wurde dies damit, dass z. B. Sinnesbrüche eine vollkommen andere Hirnreaktion auslösen als grammatisch falsch gebildete Sätze.

Die Neurowissenschaftler Marta Kutas und Steven Hillyard von der University of California in San Diego berichteten im Jahre 1980, dass der wenig sinnvolle Satz “He spread the warm bread with socks” (”Er bestrich das arme Brot mit Socken”), in dem zwei plausible Handlungsteilnehmer in der verkehrten Relation im Satz auftauchen, bei Probanden ein bestimmtes Signal in den elektrischen Hirnstrommustern, das N400, hervorruft. Dieses unterscheidet sich jedoch von der Reaktion auf einen grammatischen Fehler (Singal: P600). Dies scheint darauf hinzuweisen, dass die neuronale Sprachverarbeitung Syntax (Form) und Semantik (Bedeutung) voneinander trennt.

Die hirnphysiologischen Beobachtungen schienen auch Linguisten in ihren Forschungen zu bestätigen. Der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky vertrat eine syntaxdominierte Grammatikperspektive, wonach sich der Sinn eines Satzes aus der Grammatik erschließe. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein deutscher Muttersprachler weiß, dass in der Aussage “Der Junge jagt den Bär” der Junge aktiv handelt. Diese Erkenntnis basiert darauf, dass der Junge das grammatische Subjekt des Satzes ist. Demzufolge kann auch die Syntax eine sprachliche Bedeutung haben, da sie Handlungsrollen verteilt. Die Beobachtung einer bestimmten Hirnreaktion auf grammatische Unstimmigkeiten schien hervorragend zu den Annahmen zu passen.

Im Jahr 2003 stellten das Team um den Neuropsychologen Herman Kolk von der Universität Nimwegen und die Psychiaterin Gina Kuperberg vom Masachusetts General Hospital in Boston (USA) unabhängig voneinander neue, revolutionäre Ergebnisse vor. Versuchspersonen hörten Sätze wie “Der Kuchen bäckt der Konditor”. Diese Äußerung ist ebenso fehlerhaft und sinnlos wie das oben angeführte Beispiel, in denen jemand Brot mit Socken bestreicht. Doch der Unterschied besteht darin, dass das Brot und die Socken nicht zueinander passen, während es sich beim Kuchen und Konditor anders verhält. Allerdings widerspricht unser Wissen nun der Information, die die Grammatik bereit stellt. Dem traditionellen Blickwinkel zufolge sollte der Satz “Der Kuchen bäckt der Konditor”, der eine bedeutungsbezogene Überraschung enthält, das Signal N400 auslösen. Stattdessen stellten die Forscher aus den Niederlanden und den USA das Signal P600 fest, das bisher der Grammatik vorbehalten war. Dies schien alles zu verändern. So schlussfolgerten die Forscher daraus, dass das Gehirn bei komplexen sprachlichen Informationen zunächst einmal die Grammatik außen vorlässt und die Kombination der einzelnen Elemente in Betracht zieht, die mit seinem eigenen Vorwissen übereinstimmt. Aus den Wörtern “Kuchen”, “backen” und “Konditor” bildet er die Sätze “Der Konditor bäckt den Kuchen” oder “Der Kuchen wird vom Konditor gebacken”. Erst danach merkt das Gehirn, dass der Ausgangssatz “Der Kuchen bäckt den Konditor” nicht zur Bedeutung passt und daraufhin von einer grammatischen Fehlleistung ausgeht.

Der neue Erklärungsansatz stimmt zwar nicht mit Chomskys syntaxorientierten Sichtweise überein, gibt aber die Trennung zwischen sprachlichen Domänen nicht komplett auf. Sprachübergreifend zeigt sich nämlich keine klare Trennung zwischen grammatischen und bedeutungstragenden Informationen im Gehirn. Das bedeutet den Abschied vom Baukastenprinzip, da unser Denkorgan flexibler arbeitet als bislang angenommen. Diese Ergebnisse erschüttern das traditionelle Modell der Sprachanalysen, nachdem zahlreiche Neuroforscher lange Zeit davon ausgegangen waren, dass unser Gehirn Grammatik anders verarbeitet als die Bedeutung von Wörtern. Das Gehirn scheint zwischen Grammatik und Bedeutung nicht streng zu unterscheiden.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Gehirn&Geist, Nr. 9/2011, S. 68–72. Bild: Ilenia Pagliarini / Fotolia.de.]

Englisch war gestern - die Zukunft spricht Globish

GlobishKommunikation war früher eine Frage der Zeit und der Entfernung. Heute erfolgt sie grenzenlos und sekundenschnell. Die Welt von heute ist ein globales Dorf und die Dorfsprache ist Englisch. Ohne Englisch geht nichts mehr, weder in Wissenschaft und Wirtschaft, noch im World Wide Web. Ein Drittel der Erdbevölkerung, über zwei Milliarden Menschen, kommt regelmäßig mit der englischen Sprache in Berührung. Chinesen verhandeln mit Indern, Russen chatten mit Arabern, Deutsche telefonieren mit Koreanern.

In internationalen Konzernen, auf wissenschaftlichen Tagungen oder im weltweiten Chatroom hat Englisch den Wettbewerb der Sprachen längst gewonnen. Optimal für englische Muttersprachler, sollte man meinen. Aber ist das wirklich so? Tatsächlich findet nur vier Prozent der weltweiten Kommunikation in Englisch zwischen Muttersprachlern statt. Können sich ein Japaner und ein Italiener nicht sogar leichter auf Englisch verständigen als ein Japaner und ein Engländer?

Das jedenfalls glaubt der Franzose Jean-Paul Nerrière, ehemaliger Vizepräsident von IBM in USA, Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Nerrière ist ein Mann mit Weitblick und ein Profi in Marketing und internationaler Kommunikation. Er hat seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Verständigung in der Welt gemacht. Seine Lösung für das globale Kommunikationsproblem heißt Globish. Dieselben Wörter für jeden, weltweit. Für ihn ist Globish der Ort, an dem sich alle treffen. Zusammen mit dem Amerikaner David Hon, Englisch-Dozent und Computerspezialist, hat er dazu ein Buch geschrieben, das international zum Bestseller wurde. Auf Japanisch, Chinesisch, Ungarisch, Polnisch, Niederländisch, Russisch, Französisch, Koreanisch, Spanisch und Italienisch ist es schon zu lesen. Mitte Juni 2011 erschien es bei Langenscheidt in deutscher Sprache.

Sprachwissenschaftler, besonders englische Muttersprachler, betrachten Globish kritisch und fürchten, dass es die Hochsprache Englisch verwässere. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Rechtschreibung und Aussprache (Akzente sind ausdrücklich erlaubt!) bleiben bestehen. Globish ist kein Pidgin-English, sondern absolut korrektes Englisch. Das Motto heißt, getreu der alten Marketing Regel K.I.S.S., keep it short and simple: Stark vereinfachte Grammatik und auf das Wesentliche reduzierter Wortschatz. Im Oxford English Dictionary findet man etwa 615.000 Wörter. Englische Muttersprachler benutzen davon nur 3.500 bis maximal 7.500 Wörter. Globish kommt mit 1.500 Wörtern aus! „Globish ist eine definierte Teilmenge der englischen Sprache. Es ist kein gebrochenes Englisch. Es ist eine andere Version der englischen Sprache. Auf der Grundlage von Globish sind alle Menschen im Bezug auf ihre Sprache gleich(berechtigt). Durch den begrenzten Umfang kann jeder dieselben englischen Wörter lernen und die Menschen können sich dann gegenseitig verstehen.“ schreiben Nerrière und Hon in ihrem aufsehenerregenden Buch. Im Kapitel 16 ihres Buches stellen sie auch gleich den Globish-Grundwortschatz vor, damit jeder Leser anhand der Vokalbelliste seine Kenntnisse prüfen und erweitern kann.

Jean-Paul Nerrière und David Hon verstehen Globish als eine reine Zwecksprache, eine globale Verkehrssprache, nicht als Kultursprache wie das Englische. Kurze, klare Sätze dominieren, ohne Wortspiele, Redewendungen, Sprachbilder oder ironische Formulierungen. Trotzdem oder gerade deswegen sind auch schwierige Gespräche und Verhandlungen ohne Missverständnisse in Globish möglich. Die Autoren zeigen dies eindrucksvoll in ihrem Buch, wenn sie die Antrittsrede des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in der Originalfassung und in Globish vergleichen.

Laut Ben Mcintyre, Historiker und Kolumnist der Times, ist Globish „nicht das Ende der Sprache sondern ein wichtiger Schritt auf der Evolutionsleiter und für viele Menschen der Einstieg in die Welt.“ Ohne Englisch geht nichts mehr? Doch, mit Globish!

Über die Autoren
Jean-Paul Nerrière war lange Zeit IBM Vizepräsident in den USA, Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Dadurch war er viel unterwegs und ist schon früh mit dem Problem der internationalen Verständigung in Berührung gekommen. Seine persönlichen Erfahrungen haben ihn nun dazu bewogen, eine Lösung für das weltweite Kommunikationsproblem zu suchen und ein Buch zu diesem Thema zu schreiben: Globish. Nerrière wurde mit dem Orden der Légion d’honneur ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung, die Frankreich vergibt.
David Hon begann schon im Alter von 14 Jahren für zwei Stadtzeitungen in Seattle zu schreiben, bevor er Englisch studierte. Anschließend unterrichtete er Englisch in Asien und Südafrika. Dort entstand bereits die Idee, ein Buch über Englisch als eine globale Sprache zu schreiben. Zunächst ging er allerdings in die Computerbranche und entwickelte Spiele und Simulatoren, u.a. den ersten medizinischen Simulator, mit dem er auch viele internationale Preise gewann. Die Idee von Nerrière über Globish ließ ihn allerdings nicht los, und so schrieben sie zusammen dieses Buch.

Mehr zum Thema auf uepo.de
2011-02-09: Esperanto war gestern. Heute spricht man Globish

www.globish.com

[Text: Gina Ahrend. Quelle: Pressemitteilung Langenscheidt, 2011-07. Bild: Langenscheidt.]

Autoren mit Migrationshintergrund schreiben selten mehrsprachig

Durch offene Grenzen, Urlaubs-, Arbeits- oder Studienaufenthalte im Ausland sowie die Anwesenheit von Migranten und Flüchtlingen nimmt die Zahl binationaler Partnerschaften zu. Entsprechend steigt auch die Zahl der Kinder in Deutschland immer weiter, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen. Mehrsprachigkeit gehört für viele Familien zum Alltag und ist keine Seltenheit mehr. Von den meisten wird es als eine Bereicherung angesehen, mit zwei oder auch mehreren Sprachen aufzuwachsen. Schließlich fällt es Kindern leichter, Sprachen zu erlernen als Erwachsenen. Des Weiteren werden über die Sprache auch Traditionen, Werte und Verhaltensregeln vermittelt.

An dieser Stelle möchte ich einen Bogen zu denjenigen Personen schlagen, deren Werkzeug die Sprache ist: Autoren. Mehrsprachige Schriftsteller gehen unterschiedlich an ihre Arbeit heran: Einige schreiben auf Deutsch, andere in ihrer Erstsprache, die nicht in jedem Fall mit ihrer Muttersprache übereinstimmt. Oder aber sie verfassen ihre Texte in einer Mischung aus mehreren Sprachen. Allerdings schreiben nur wenige zeitgenössische Autoren mit Migrationshintergrund in Österreich, auf die ich in diesem Artikel näher eingehen möchte, in zwei oder mehr Sprachen.

Eine von ihnen ist Zwetelina Damjanova-Ortega. Für die in Sofia (Bulgarien) geborene Schriftstellerin und Übersetzerin ist Bulgarisch ihre Erstsprache, Deutsch sieht sie jedoch als ihre “stärkste Sprache” an. Ferner spricht sie Spanisch. Früher übersetzte sie ihre Texte ins Deutsche. Doch heute ist dies für sie eine “Selbstzensur”, weshalb sie jetzt mehrsprachig schreibt. Vor fünf Jahren habe sie entschieden, ihre Mehrsprachigkeit, die zu ihrer Identität gehöre, in ihren Texten zu thematisieren. “Ich habe die Mehrsprachigkeit als Stilmittel entdeckt”, erklärt die 42-Jährige. Somit weise sie auch auf ihren inneren Konflikt mit den Sprachen hin.

Julya Rabinowich ist ganz anderer Meinung. Die Autorin, Dramatikerin, Malerin und Simultandolmetscherin schreibt nicht mehrsprachig. “Ich habe einen ausgesprochenen Widerwillen, Sprachen innerhalb eines Textes zu vermengen.” Bereits im Alter von zwölf Jahren fing sie an, ausschließlich auf Deutsch zu schreiben. Derzeit arbeitet sie nach den Romanen Spaltkopf und Herznovelle an ihrem dritten Buch. Bei diesem handle es sich, wie schon bei den Romanen zuvor, um eine Untersuchung von Fremdheit: “eine selbst gewählte, allerdings eine aus innerer Zerrissenheit selbst gewählte Fremdheit”. Rabinowich, 1970 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren, kam 1977 aus der Sowjetunion nach Wien. Von 1993 bis 1996 studierte sie Dolmetschen an der Universität Wien und von begann 1998 ein Studium an der Universität für Angewandte Kunst Wien mit Schwerpunkt Malerei und Philosophie, das sie 2006 mit dem Diplom abschloss. Seit 2006 arbeitet sie mit Flüchtlingen im Rahmen von Psychotherapiebehandlungen als Dolmetscherin für das Integrationshaus Wien und den Diakonie Flüchtlingsdienst.

Dimitré Dinev ist 1968 in Plowdiw (Bulgarien) geboren und flüchtete im Jahre 1990 aus Bulgarien nach Österreich, wo er sich die folgenden Jahre mit Gelegenheitsjobs durchschlug und in Wien Philosophie und russische Philologie studierte. Seit 1991 schreibt er in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen, Theaterstücke und Essays. Nach der Veröffentlichung einiger Kurzgeschichten und dem Literaturpreis “Schreiben zwischen den Kulturen” erschien 2001 sein erster Roman Die Inschrift. Seinen literarischen Durchbruch schaffte er 2003 mit seinem Familienroman Engelszungen, der europaweit mit großem Interesse aufgenommen wurde. Dinevs Werke sind inzwischen in fünfzehn Sprachen übersetzt worden. “Eine erstaunliche Karriere”, so Germanist Hannes Schweiger, der zu Literatur und Migration forscht. “Dinev hat zweifellos zur verstärkten Wahrnehmung zugewanderter Autoren, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, beigetragen.” Der Schriftsteller, Theater- und Drehbuchautor Dinev thematisiert seinen Weg in die neue Heimat und in die deutsche Sprache in dem Essay In der Fremde schreiben. Die deutsche Sprache ist nun seine neue Heimat: “Sollte man also eines Tages doch in der Fremde weiterschreiben – oder auch erst damit beginnen –, dann hat man das begriffen, was jeder Autor irgendwann erfährt, nämlich, dass das Wort seine Heimat ist.”

[Text: Jessica Antosik. Quelle: diepresse.com, 13.09.2011; goethe.de; wikipedia.de. Bild: wikipedia.de.]