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Archiv der Kategorie Nachrufe

Nachruf: Dietrich Ebener, der unberühmte Übersetzer

Der deutsche Altphilologe, Autor und Übersetzer Prof. Dr. phil. habil. Dietrich Ebener ist am 13. Juli 2011 im Alter von 91 Jahren verstorben. Ebener ist bekannt für seine Versübertragungen aus dem Lateinischen und Griechischen. Viele seiner Übersetzungen sind im Akademie Verlag Berlin erschienen, darunter eine zweisprachige Euripides-Ausgabe in sechs Bänden (1972–80). Im Aufbau-Verlag gab er Textausgaben der Autoren Vergil, Homer, Aischylos, Nonnos, Terenz und Sophokles heraus. Hinzu kommen Nachdichtungen altgriechischer Lyrik und belletristische Werke. Ebeners Übersetzungen waren auch auf der Bühne erfolgreich. Seine Übersetzung der “Troerinnen” wurde 1976 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Spyros A. Evangelatos aufgeführt. Seither sind über dreißig Euripides-Inszenierungen mit Ebeners Übersetzungen in allen deutschsprachigen Ländern aufgeführt worden, u.a. von Frank Castorf. Im Jahre 1996 wurde Ebener für sein Lebenswerk mit dem Brandenburgischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Ebener ist am 14. Februar 1920 in Berlin-Neukölln geboren. 1938 legte er in Cottbus das Abitur ab und musste danach bis 1945 im Zweiten Weltkrieg dienen. An der Front hatte er fremdsprachige Lesetexte, Minilexika und Kurzgrammatiken bei sich und arbeitete an Dramen. 1946 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er im selben Jahr nach Kärnten zurückkehrte. Auf der Rückreise in die brandenburgische Heimat wurde er in Wien unter Spionageverdacht von der Geheimpolizei der Sowjetunion (GPU) verhaftet und anschließend in die sowjetische Besatzungszone entlassen. Seit 1946 arbeitete er in Cottbus und Potsdam als Neulehrer für die Fächer Russisch, Latein, Griechisch und Geschichte, die er nebenbei auch an der Humboldt-Universität zu Berlin studierte. 1951 legte er das Staatsexamen ab und arbeitete als Assistent und Dozent an der Universität Halle, wo er 1954 promovierte und 1956 habilitiert wurde. Der Titel seiner Habitilation lautet “Kleon und Diodotos. Zum Aufbau und zur Gedankenführung eines Redepaares bei Thukydides”. Von 1957 bis 1967 war er an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald tätig. Er vertrat das Fachgebiet Klassische Philologie an der Philosophischen Fakultät und übernahm ferner die Funktion des Institutsdirektors sowie Fachrichtungsleiters. Dietrich Ebener unternahm Studienreisen nach Italien, Ägypten, Indien, Sudan und Griechenland. Ab 1967 lebte er als freischaffender Autor in Bergholz-Rehbrücke bei Potsdam und widmete sich komplett seiner Leidenschaft, Verse von Autoren der griechischen und römischen Antike in die deutsche Sprache zu übertragen.

Er suchte den bestmöglichen Weg, philologische Genauigkeit und Lesbarkeit miteinander zu verbinden. Der Schwerpunkt seines Bemühens galt somit dem Versuch, einen deutschen Text zu schaffen, der klar, verständlich und sowohl les- als auch sprechbar sein sollte. Ebener zielte darauf ab, “Laien heranzuführen an eine eben nicht immer einfache Lektüre”. Bei Ebeners Verdeutschungen handelt es sich um Texte “zwischen Übersetzung und Neudichtung”. Nur derjenige, der das Original in allen wesentlichen Dimensionen, das bedeutet also in Bezug auf die Lexik, Syntax und den Versbau, durchschaut habe, könne verantwortlich entscheiden, wo in der Übertragung größere Freiheit in Anspruch genommen werden muss und darf. Dietrich Ebener gab stets dem Handwerklichen den Vorrang vor dem Dichterischen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: faz-community.faz.net, 29.08.2011; oz-trauer.de, 16.07.2011; henschel-schauspiel.de; www.wikipedia.de. Bild: www.wikipedia.de.]

Stalins Französisch-Dolmetscher: Wladimir Jerofejew mit 90 Jahren gestorben

Wladimir JerofejewWladimir Iwanowitsch Jerofejew (auf dem Buchtitel rechts mit seinem Sohn Viktor), seinerzeit persönlicher Dolmetscher von Josef Stalin, ist am 18. Juli 2011 im Alter von 90 Jahren in Moskau gestorben. Dies teilte sein Sohn, der bekannte russische Schriftsteller Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew und Autor der Bücher Die Moskauer Schönheit und Der gute Stalin, dem Radiosender Echo Moskwy mit. Sein Vater sei nach langer Krankheit an akuter kardiovaskulärer Insuffizienz gestorben. Am 21. Juli wurde er auf dem Wagankowoer Friedhof in der russischen Hauptstadt beigesetzt.

Wladimir Jerofejew war der Berater von Wjatscheslaw Molotow, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der Sowjetunion, und Stalins persönlicher Dolmetscher für die französische Sprache. Später war er Botschafter in Afrika und Österreich und Vizepräsident der UNESCO.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung charakterisierte ihn 2010 wie folgt:

Stalins persönlicher Französisch-Dolmetscher, der dann Assistent des Außenministers Molotow wurde und für Jahrzehnte dem diplomatischen Dienst der Sowjetunion angehörte, blickt auf ein langes, ereignisreiches, vor allem aber glückliches Leben zurück. Davon ist sein Sohn Viktor, der Schriftsteller, überzeugt, dessen Mitarbeit an dem Dissidenten-Almanach Metropol 1979 dem Karriereglück des Vaters freilich jäh den Todesstoß versetzte. Manches in der Biographie von Jerofejew senior erinnert an den gutgläubigen Iwan aus dem russischen Märchen, mit dem es das Schicksal dann auch gut meint. Als junger Mann wollte der glühende Kommunist in den spanischen Bürgerkrieg ziehen, woraufhin er an der Übersetzerschule des Zentralkomitees studierte. […] Jerofejews inspirierter Blick sah in Stalin eine “magische” Persönlichkeit.

Nach Stalins Tod wurde der glückliche Wladimir Jerofejew Kulturattaché in Paris. Er liebte französische Weine und sibirische Pelmeny. Er genoss die Begegnungen mit Picasso, Aragon und Yves Montand ebenso wie die mit den russischen Musikern Rostropowitsch, Emil Gilels, Leonid Kogan, die zu Gastspielen kamen. Er brachte die Witwe Iwan Bunins, Vera Muromzewa, dazu, den Nachlass des Schriftstellers der Sowjetunion zu übergeben, und seine Regierung überzeugte er, der verarmten alten Dame eine Rente zu zahlen. Dafür war er selbst als Sowjetdiplomat in Paris, als Botschafter im Senegal, später als Unesco-Bevollmächtigter in Wien, für europäische Verhältnisse fast arm. […] Doch er nutzte die für Sowjetbürger kostbaren Gelegenheiten zum Reisen. […]

Später habe der überzeugte Kommunist Jerofejew den Reformkurs Gorbatschows zwar begrüßt, den Zusammenbruch des Sowjetsystems aber “als globale Katastrophe von geschichtsphilosophischer Tragweite” empfunden.

Jerofejews Sohn Viktor schrieb in seinem Roman Der gute Stalin über das Verhältnis zum Vater:

Papa arbeitete im Kreml. Was er da eigentlich machte, wusste ich nicht so genau, aber wenn ich mit meinen Freunden am Kreml vorbeifuhr (im Winter bis über die Nase in Schals gehüllt, in Biberlammpelzen, Mützen, Filzstiefeln und mit Schäufelchen ausgerüstet, um im Gorki-Park im Schnee zu spielen), dann sagte ich sachkundig zu ihnen: »Hier arbeiten mein Papa und Genosse Stalin.«

[Text: Jessica Antosik. Quelle: de.rian.ru, 2011-07-18.]

Hans-Jürgen Stellbrink gestorben

Wie heute bekannt wurde, ist Dipl.-Dolm. Hans-Jürgen Stellbrink am 19.01.2011 nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Dies teilte ein Freund und Kollege unter Berufung auf die Ehefrau des Verstorbenen in der Mailingliste U-Forum mit. Richard Schneider, Betreiber von uepo.de, erklärt dazu:

Ich habe Hans-Jürgen Stellbrink auf einer interessanten Podiumsdiskussion des BDÜ NRW zum Thema ‚Preise‘ in den 1990er Jahren und dann bei den intensiven Vorbereitungen zur Gründung der ATICOM 1996/1997 persönlich kennen und schätzen gelernt.

In den vergangenen zehn Jahren beteiligte er sich regelmäßig an den Diskussionen in der Übersetzer-Mailingliste U-Forum. Die meisten Teilnehmer des Forums werden gar nicht gewusst haben, was für ein Schwergewicht er in den 1980er und 1990er Jahren in der deutschen Übersetzungsbranche war.

Hans-Jürgen Stellbrink hat sein Dolmetscher-Diplom in Germersheim gemacht und war lange Jahre Leiter des zentralen Fremdsprachendienstes der Ruhrgas AG in Essen, Geschäftsführer des BDÜ-Landesverbandes NRW und Gründungsmitglied der ATICOM.

Beim BDÜ war er seit 15 Jahren eine persona non grata. Dort hat man ihm nie verziehen, dass er maßgeblich daran mitgewirkt hat, den damaligen Landesverband Nordrhein-Westfalen aus dem BDÜ-Bundesverband herauszulösen und als ATICOM in die Unabhängigkeit zu führen.

Ich werde mich bemühen, für uepo.de einige biografische Informationen zusammenzutragen. Wer dazu etwas beisteuern möchte, kann mir gerne eine Mail an rs@uepo.de schicken. Für ein Foto wäre ich ebenfalls dankbar.

Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier gestorben

Swetlana Geier

Swetlana Geier ist am 7. November 2010 im Alter von 87 Jahren ihrem Haus in Freiburg-Günterstal gestorben. „Bis zuletzt hatte sie an der Neuübersetzung von Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus gearbeitet. Ihr fehlten nur noch wenige Seiten bis zum Schluss“, schreibt der Tagesspiegel.

Die mehrfach ausgezeichnete Geier gilt als eine der bedeutendsten Übersetzer russischer Literatur ins Deutsche. Die im Jahre 1923 in Kiew geborene Swetlana Michailowna Iwanowa wurde insbesondere für ihre Übersetzungen des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski gefeiert. Darüber hinaus übersetzte sie unter anderem Werke von Afanasjew, Bulgakow, Bunin, Gogol, Solschenizyn, Platonov, Puschkin, Sinjawskij, Terz und Tolstoi.

Das Besondere an ihrer Arbeitsweise lag darin, dass sie das russische Original auswendig lernte und ihre Übersetzungen diktierte. Swetlana Geier sagte einmal Folgendes: „Man muss den Atem eines Textes erfassen. Ich lese das Buch, das ich übersetzen soll, so oft, bis die Seiten Löcher kriegen. Im Grunde kann ich es auswendig. Dann kommt ein Tag, an dem man plötzlich die Melodie des Textes hört. Wenn ich das Buch fast auswendig kann, dann bin ich bereit. Dann sage ich: So! Und jetzt fange ich an.“

Sie scheute sich nicht davor, altbekannte Titel neu zu formulieren. So wurde aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“ (Преступление и наказание) „Verbrechen und Strafe“, aus „Die Dämonen“ (Бесы) „Böse Geister“, aus „Der Jüngling“ (Подросток) „Ein grüner Junge“. Sprachen seien, so Swetlana Geier, nicht kompatibel und deshalb war das Übersetzen für sie immer nur eine Annäherung an das Original.

Ihr wurde beigebracht, dass der Übersetzer nur das übersetzen darf, was er versteht. Das bedeutet also „Nase hoch beim Übersetzen“ und den Text über- und vom Text aufblicken. Man muss also immer das Ganze im Blick haben und „den Atem eines Textes erfassen“. Swetlana Geier sagte, Literatur von einer Sprache in die andere Sprache zu übertragen, sei wie „der unendliche Weg zum Haus des Nachbarn”. In  einem Interview beantwortete sie einmal die Frage, was das Übersetzen für sie bedeute, mit dem Wort „Leben“.

Swetlana Geier übte in Russland Dolmetscher- und Übersetzertätigkeiten im Geologischen Institut der Akademie der Wissenschaften und bei der Dortmunder Union Brückenbau AG aus und kam Ende 1943 mit dieser Firma nach Dortmund. Sie hatte Lehrstühle an mehreren Universitäten inne.

Im Jahr 2009 kam der Dokumentarfilm Die Frau mit den 5 Elefanten von Vadim Jendreyko in die Kinos, der Einblicke in Geiers Lebensgeschichte, ihre Arbeitstechnik und ihr Schaffen gibt. „Übersetzungen sind sterblich. Jede Zeit verdient ihre eigenen Übersetzungen“, sagte sie darin.

Zu Geiers Tod sind zahlreiche Nachrufe erschienen, u. a. in der Zeit, der Welt und der Neuen Zürcher Zeitung. Auf der Website des Literaturübersetzerverbands VdÜ ist ein Interview mit Swetlana Geier aus dem Jahr 1987 abrufbar.

Links zum Thema auf uepo.de
2010-09-30: „Die Frau mit den 5 Elefanten“ ab heute auf DVD
2010-09-07: Swetlana Geier: „Sprache ist Mensch“
2010-01-22: Swetlana Geier, die Frau mit den fünf Elefanten
2005-02-17: Ein Tipp von Swetlana Geier: Nase hoch beim Übersetzen
2003-04-28: Übersetzen macht Weltliteratur erst möglich. - Swetlana Geier wird 80
2003-10-11: „Dann bin ich nach Hause gegangen und habe übersetzt.“ Swetlana Geier über den Beginn ihrer Karriere

[Text: Jessica Antosik, Richard Schneider. Quelle: oe1.orf.at; tagesspiegel.de; Zeit; Welt; NZZ; Ammann Verlag; Wikipedia. Bild: Real Fiction Filmverleih.]

Nachruf: Hans J. Vermeer, Begründer der Skopos-Theorie

Hans J. VermeerDer Sprach- und Übersetzungswissenschaftler Prof. Dr. Dr. h.c. Hans J. Vermeer ist am 4. Februar 2010 im Alter von 79 Jahren verstorben. Vermeer hat durch seine rund dreihundert Publikationen zur Übersetzungstheorie und zur Geschichte der Übersetzung wesentlich zur Begründung der Translationswissenschaft beigetragen. Prägend war vor allem die von ihm entwickelte Skopos-Theorie.

Vermeer lehrte an den Universitäten Mainz-Germersheim und Heidelberg. Darüber hinaus nahm er zahlreiche Gastprofessuren im In- und Ausland wahr.

Die Beisetzung fand am 20. Februar 2010 auf dem Bergfriedhof in Heidelberg statt. In seiner Trauerrede würdigte Prof. Dr. Andreas F. Kelletat, Germersheim, Leben und Werk des Verstorbenen:

[…] durch die vierzehn Jahre, die zwischen seinem Portugiesisch-Dolmetsch-Diplom und der Habilitation liegen, hat Hans Vermeer neben seiner umfangreichen Forschung stets Aufgaben in der Lehre wahrgenommen, zunächst als Lektor für Portugiesisch am Dolmetscher-Institut der Universität Heidelberg in den Jahren 1954 bis 1962, dann als Lektor und Dozent für süd-asiatische Sprachen (wie das Hindi und Urdu) am Südasien-Institut der Heidelberger Universität in den Jahren 1962 bis 1971. In die 60er Jahren fallen ferner seine Studienreisen nach Indien, nach Ceylon und Pakistan, aber auch nach Portugal und Österreich, wo er Dokumente zum Kreolen-Portugiesisch in Asien und zu den ältesten linguistischen Werken europäischer Autoren über neu-indische Sprachen ausgewertet hat.

Diesen ausgeprägt historischen Neigungen ist Hans Vermeer durch sein ganzes Leben treu geblieben, was angesichts des ungestüm modern wirken könnenden Theoretikers der 80er Jahre leicht übersehen wird. Kaum wurde bisher gefragt, was z. B. die Skopos-Theorie dem Vergleichenden Sprachwissenschaftler und dem Kulturhistoriker Vermeer zu danken haben könnte. […]

Zu erwähnen ist selbstredend die 1984 in Zusammenarbeit mit Katharina Reiß geschriebene Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie, sein wohl am häufigsten zitiertes Werk, wobei sich das Zitieren mitunter auf den einen zentralen Begriff beschränkt, den Begriff Skopos.

Hans Vermeer hat in den 80er Jahren mit dem Skopos-Konzept leidenschaftliche Diskussionen ausgelöst, die zum Teil bis heute anhalten. „Ein unheimlich starker Auftritt“ sei das gewesen, heißt es in Erich Prunčs Einführung in die Translationswissenschaft. In der Tat: Vermeer hat unsere Beschäftigung mit den Phänomenen des Übersetzens und Dolmetschens gehörig aufgemischt, auch weil es eben nicht nur um eine akademische Frage ging, nicht nur um Begriffe und theoretische Konzepte aus dem Elfenbeinturm. Sondern weil es um das Selbstverständnis und um die Identität einer ganzen Wissenschaftlergeneration und ganzer Fächer ging. Und um die Frage, mit welchen Problemen sich junge Menschen befassen sollten, die später einmal vom Übersetzen oder Dolmetschen würden leben wollen.

Das reichte bis in ganz praktische Ausbildungsfragen, z.B. der Frage was bei einer Examensklausur als Fehler anzustreichen oder als besonders glückliche Übersetzungslösung zu loben sei und was nicht. Bei dieser ja nicht ganz unerheblichen Frage hatten wir stets nur auf die Wörter und Sätze des Originals geschaut, auf dessen Stil vielleicht noch, und wir hatten erwartet, dass diese Wörter und Sätze so „treu“ wie nur irgend möglich auch in der Übersetzung reproduziert würden. Alle Forschungsenergie richtete sich auf die Frage, wie solch möglichst große Treue in jeder Übersetzung und in jeder Verdolmetschung erreicht werden könnte. […]

Solch neuzeitig linguistischer Engführung des Umgangs mit dem Übersetzen und Dolmetschen hat Hans Vermeer ein Ende bereitet. Als jemand, der selbst aus der Vergleichenden Sprachwissenschaft kam und über weit ausgedehntere Sprachkenntnisse verfügte als die allermeisten von uns, hat er erkannt, dass seine eigene Disziplin nicht über das nötige Rüstzeug und Erkenntnisinteresse verfügte, um all das, was beim Übersetzen und Dolmetschen eine Rolle spielt, zu erfassen. Hierfür, so hat er es gesehen, müsste in unserem Fächerkanon eine eigene neue wissenschaftliche Disziplin her, für die man sich seither auf den Namen Translationswissenschaft verständigt hat. Diese neue Disziplin muss sich, das war wohl Vermeers feste Überzeugung, immer wieder von anderen Disziplinen anregen lassen, von der Philosophie, der Ethnologie, der Literaturwissenschaft, von den Kulturwissenschaften insgesamt, von der Physik und Neurobiologie. Nur von der Sprachwissenschaft, sagte er bisweilen gewollt überspitzt, sei derzeit leider nicht viel zu erhoffen für die translationswissenschaftliche Grundlagenforschung. Ob solch provozierendes Auseinanderdrücken notwendig war und unvermeidlich, ob es klug und konstruktiv war, werden Spätere besser und gerechter einschätzen können als wir, die wir uns noch im Handgemenge befinden. […]

Sigrid Kupsch und Paul Kußmaul haben mir vor Jahren von jener legendären Vorlesung im Germersheimer Hörsaal D erzählt, bei der – im Sommersemester 1977 muss das gewesen sein – die sog. Skopos-Theorie entfaltet worden sein soll. Auch Hans Hönig mag damals dabei gewesen sein. Vermeer selbst wandte sich – nachdem er unsere Überlegungen zu Curricula und Studiengangszuschnitten gründlich durchgeschüttelt hatte – wieder stärker der Theoriebildung zu. […]

Nachdem er 1992, mit 62 Jahren gerade, seine Heidelberger Professur aufgegeben und in den sogenannten Ruhestand getreten war, entstanden in jahrelanger Arbeit und auf der Basis umfangreichster Recherchen in Bibliotheken und Archiven seine sieben Bände umfassenden Werke zur Geschichte des Übersetzens, zum Übersetzen im Mittelalter, in Renaissance und Humanismus. Gleichzeitig nahm er Gastprofessuren wahr an Orten, wo man den Dialog mit ihm schätzte: in Graz, Prag, Mexiko City, Innsbruck, Istanbul. […]

Als Lehrenden konnte man Professor Vermeer bis in sein letztes Lebensjahr erleben. Im Wintersemester 2008/09 erarbeitete er für Studenten und Nachwuchswissenschaftler in Germersheim seinen letzten großen Vorlesungszyklus: Translationen. Grenzen abschreiten nannte er den. Auf Bitten seiner Studenten hat er die Vorlesung ausformuliert, mit Anmerkungen und Literaturverzeichnis versehen und das 650 Seiten umfassende Typoskript in Netz gestellt. Auch in den nächsten beiden Semestern hat er Seminare angeboten, mit Studenten über ihre Arbeiten gesprochen, an Doktorandentreffen teilgenommen, das Heinz-Göhring-Kolloquium mit Freunden aus Heidelberg und Germersheim neu begründet. […]

Als er bereits wusste, dass ihm nur noch eine kurze Lebensfrist geblieben war, hat er seinen Unterricht unbeirrt fortgesetzt. Er ist Mitte November 2009 zu einer Konferenz nach Nablus in Palästina gereist, hat mit unserem Freund Mutasem Alashhab die Gegend erkundet, hat sich in Israel von Gideon Toury verabschiedet. Er war noch einmal in seinem geliebten Istanbul und hat im Dezember 2009 an der Berliner Humboldt-Universität, wo er seit der Wende ein gern und häufig gesehener Gast war, seinen letzten Vortrag gehalten. Vom Altern der Texte hieß der. […]

Auf der Website des FTSK Germersheim können Sie den vollständigen Wortlaut der Trauerrede abrufen.

Im Januar 2010 verlieh der FTSK Germersheim Hans J. Vermeer die Ehrendoktorwürde. In der Feierstunde erklärte Prof. Dr. Heidemarie Salevsky (1996-2009 Professorin für Translationswissenschaft und Fachkommunikation an der Hochschule Magdeburg-Stendal):

Hans Vermeer hat stets teilhaben lassen an seiner wissenschaftlichen Neugier und an seiner Freude daran. Seine Publikationen, seine Vorlesungen in Berlin und die Vorträge im Forschungsseminar waren stets eine Art Abenteuerreise durch die Jahrhunderte, mitunter Entführungen auf interessante und zuweilen amüsante thematische Nebengleise, alles in allem Entäußerungen eines brillanten Geistes mit atemberaubender Bildung. Sie haben den Blick auf das gerichtet, was sein könnte, sie boten die Möglichkeit, den Raum auszumessen, der sich öffnete, in dem ein Licht leuchtete, das anderes sichtbar machte – Sehweisen. So entstand Veränderung in unserer Disziplin wie in den Menschen.

Auf derselben Veranstaltung würdigte JProf. Dr. Dilek Dizdar, Germersheim, Vermeers Wirken wie folgt:

Auch ich soll und möchte ein paar Worte sagen, als eine von jenen Nachwuchswissenchaftler(inne)n und im Namen aller anderen, deren Werdegang Hans Vermeer als Autor und Lehrer geprägt hat. Besonders auch im Namen von Şebnem Bahadır; im Chor können wir leider nicht sprechen, wie du einmal sagtest, als wir ein Thema für das Doktorandenkolloquium gemeinsam vorstellen wollten, daher spreche ich für uns.

Du hast uns 1994 einen Antwortbrief geschrieben, lieber Hans, in dem du uns als Kolleginnen ansprachst und uns einludst, für ein Gespräch über unsere geplante Promotion nach Heidelberg zu kommen. Für das Promotionsstudium selbst empfiehlst du uns darin Germersheim; es sei fortschrittlicher, innovativer, verspreche mehr, mitunter, weil gerade neue Professoren berufen worden seien und vor allem lehre Heinz Göhring dort. Seither hast du uns auf eine Art und Weise betreut und gefördert, die uns ein Vorbild sein soll für unseren Umgang mit Studierenden und allen jenen, die unsere Unterstützung brauchen. […]

Ganzheitlich soll man den Menschen und seine Handlungen betrachten. Das lehrt uns Vermeer, er macht es uns vor. Zu seinem Sein und Handeln gehört ganz wesentlich der Respekt vor Anderen und dem Andersartigen, anderen Kulturen und anders denkenden Individuen. Dieser Respekt koppelt sich mit einer großen Bescheidenheit, die sich durch das Wirken und die Werke Hans Vermeers zieht. […] Sein Werk ist Grundlagenforschung, die in Tiefe und Umfang kaum zu überbieten ist. […]

Ich weiß, dass du mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklungen in Germersheim verfolgst, dich über die wachen und interessierten Studierenden freust, vielleicht neue Hoffnung für das Fach schöpfst. Und du scheinst mit deiner Empfehlung für Germersheim Recht zu behalten. Es bewegt sich dort etwas, wenngleich mit einer großen Verzögerung. Ich möchte dir ganz besonders auch dafür danken, dass du diesen Aufschwung mit der Annahme der Ehrenpromotion weiter unterstützt. Sie setzt ein Zeichen für die Translationswissenschaft, sie ehrt unseren Fachbereich, und vor allem gibt sie uns Kraft und Motivation, weiter am Ausbau des translationswissenschaftlichen Profils zu arbeiten.

Die Skopostheorie

Wikipedia.de schreibt dazu:

Translation ist eine Form des Handelns. Jedes Handeln ist bestimmt von einer Situation, der Analyse dieser Situation durch den Handelnden und die Intention des Handelnden, der bestimmte Ziele erreichen will. Wie jedes Handeln ist also auch die Translation als Kommunikationshandlung zweckbestimmt. Der Zweck einer Kommunikationshandlung, ihr Skopos (gr.) ist erfüllt, wenn das erzielte Ergebnis der Intention des Handelnden (des Senders) entspricht und auch der Empfänger der Kommunikation die erhaltene Nachricht in seiner eigenen Situation schlüssig interpretieren kann.

Die Skopostheorie geht nun davon aus, dass der Zweck eines Translats, eine bestimmte Funktion zu erfüllen, der bestimmende Faktor ist, auf den der Translationsprozess ausgerichtet sein muss. […] Daraus ergibt sich die Auffassung von Übersetzungen und Verdolmetschungen als zielsprachliche und -kulturelle Informationsangebote über andere Informationsangebote in Ausgangssprache und -kultur. Die Qualität eines Translats kann grundsätzlich nur bezüglich seiner Funktion bewertet werden.

Ausführliche biografische Informationen, Vorlesungstexte, Audiomitschnitte von Vorlesungen und eine Bildergalerie hat der FTSK Germersheim unter dem Titel “Hans J. Vermeer - Grundlegung der Translationswissenschaft: Ein Lebenswerk” zusammengestellt. Die Adresse: www.fb06.uni-mainz.de/vermeer

[Textzusammenstellung: Richard Schneider. Quelle: FTSK Germersheim. Bild: FTSK Germersheim.]

Ben Teague bei Schießerei ums Leben gekommen

Ben TeagueBen Teague (63) ist in seinem Wohnort Athens (Georgia) am 25.04.2009 bei einer Schießerei ums Leben gekommen. Er ist international vielen Übersetzern als Vaterfigur des weltweit ersten echten Online-Forums für Übersetzer, FLEFO, bekannt. Dieses entstand Ende der 1980er Jahre im Rahmen des Online-Dienstes CompuServe.

Teague war von 1981 bis 1983 President des amerikanischen Übersetzerverbands ATA, nachdem er sich vorher schon als Director und Secretary sowie als Vortragsredner auf Fortbildungsveranstaltungen für die Berufsgruppe engagiert hatte. 1990 wurde er von der ATA mit der Alexander-Gode-Medaille für herausragende Verdienste ausgezeichnet.

Der aus dem Bundesstaat Tennessee stammende Teague schloss 1967 ein Physikstudium an der Rice University in Houston, Texas, ab. Anschließend arbeitete er als Angestellter unter anderem für Union Carbide in Oak Ridge, KPFT-Pacifica in Houston und das Physics Department der University of Texas in Austin. 1972 startete er seine Karriere als freiberuflicher Übersetzer für technische und wissenschaftliche Texte. Teague übersetzte zunächst aus dem Deutschen und Russischen in seine Muttersprache Englisch, konzentrierte sich aber schon bald auf Deutsch als alleinige Ausgangssprache. 1977 zog er nach Athens, Georgia, wo seine Frau, Dr. Fran Teague, an der Universität eine Stelle als Dozentin für englische Literatur antrat.

Durch seine umfassende Bildung, Berufserfahrung, übersetzerische Kompetenz und Hilfsbereitschaft genoss Ben Teague hohes Ansehen im Kollegenkreis. Er liebte die Unabhängigkeit des Übersetzerdaseins und war in vielfältiger Hinsicht eine Idealverkörperung des Freiberuflers. In Erinnerung bleibt vor allem die geistreiche und humorvolle Art der Konversation, die er online wie offline pflegte, sowie der stets kollegiale Umgang mit anderen. Er strahlte eine innere Ruhe, Warmherzigkeit und Unabhängigkeit aus; man spürte, dass er mit sich und der Welt im Reinen war. Schon in jüngeren Jahren besaß er durch seine intellektuelle Reife und Überlegenheit - die er andere aber nie spüren ließ - einen großväterlichen Charme. In seiner äußeren Erscheinung - groß gewachsen, mit einer gewissen Leibesfülle und weißem Rauschebart - erinnerte er viele an den Weihnachtsmann. Es gab wohl niemanden, der ihn nicht mochte.

Er hinterlässt seine Frau Fran, mit der er seit 41 Jahren verheiratet war.

Die Tragödie ereignete sich am Samstag bei einem Treffen der Theater-Laienspielgruppe “Town & Gown Players” am Athens Community Theater, bei der Teague schon seit 17 Jahren in seiner Freizeit leidenschaftlich als Bühnenbildner, Schauspieler und Regisseur mitwirkte.

Teague unterhielt sich vor dem Theater mit Marie Bruce (47), Leiterin der Laienspielgruppe, und dem ebenfalls zur Truppe gehörenden Tom Tanner (40). Irgendwann kam George Zinkhan (57), der Ehemann von Marie Bruce, vorgefahren und geriet mit seiner Frau in einen heftigen Streit. Diese hatte vor Kurzem die Scheidung eingereicht.

Zinkhan marschierte wütend zum Auto zurück, in dem die beiden 8 und 10 Jahre alten Kinder saßen, schnappte sich zwei geladene Pistolen und eröffnete das Feuer. Die Polizei fand später insgesamt acht Patronenhülsen am Tatort. Augenzeugen sagten aus, dass Teague noch versucht habe, den Beziehungsstreit zu schlichten und das eigentliche Ziel der Aggression, Marie Bruce, zu schützen. Doch sowohl die Frau als auch Teague und der vollkommen unbeteiligte Tanner erlagen vor Ort ihren Schussverletzungen. Ben Teague wurde von drei Kugeln in den Arm und einer Kugel in den Brustkorb getroffen. Zwei weitere Personen wurden durch Querschläger verletzt.

Der Täter, George Zinkhan, fuhr davon, setzte die Kinder bei einem Nachbarn ab und verschwand. Zinkhan ist ein international renommierter Marketing-Professor des “Terry College of Business” der University of Georgia. Genau zwei Wochen nach der Tat wurde er in einem Waldstück tot aufgefunden. Er hatte sich selbst ein Grab geschaufelt, hineingelegt, mit Erde, Zweigen und Laub bedeckt und dann mit einem Kopfschuss das Leben genommen.

Ein Fernsehbericht über die von mehr als 500 Teilnehmern besuchte Trauerfeier für Ben Teague in der Kapelle der Universität kann auf der Website von Fox Atlanta aufgerufen werden.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Fox Atlanta, CNN, ATA u.a. Bild: Town & Gown Players.]

BDÜ-Aktivistin Mary Höcker gestorben

Die durch ihr langjähriges Engagement im BDÜ auch bundesweit bekannte Mary Höcker ist Ende 2008 nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Der Landesverband Berlin-Brandenburg würdigt sie in der Mitgliederzeitschrift mit folgendem Nachruf:

Am 30. November verstarb unsere Kollegin Mary Höcker. Sie hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Mary war eine engagierte Persönlichkeit, die im Vorstand viele Jahre auf Landes- und auf Bundesebene für den BDÜ aktiv tätig war. Sie zeigte immer Stärke, hatte klare Vorstellungen und sprach bewusst leise, sodass genaues Zuhören gefordert war. Sie scheute sich nicht, Kritik auch auszusprechen, sodass Sitzungen und Mitgliederversammlungen nie langweilig wurden. Für manche war sie „very British“, für andere eine Dame mit würdevollem Auftreten. Von ihrer früheren Tätigkeit für das britische Foreign Office konnte sie Spannendes erzählen. Als Englisch-Kollegin war sie immer bereit, weniger erfahrenen Übersetzern in sprachlichen Belangen zu helfen. Sie hat ihre Krankheit mit Würde ertragen. Wir werden sie in bester Erinnerung behalten.
Bettina Moegelin & André Lindemann
Dezember 2008

Déjà-Vu-Expertin Judy Ann Schön gestorben

Die Übersetzerin und Déjà-Vu-Expertin Judy Ann Schön ist nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Das wurde in verschiedenen Online-Foren bekannt.

Judy Ann Schön hatte sich seit mehr als einem Jahrzehnt aktiv an mehreren Mailinglisten beteiligt. Vor allem als Expertin für Translation-Memory-Systeme machte sie sich dabei einen Namen. Für das von ihr bevorzugte und unter Einzelübersetzern recht beliebte Déjà Vu war sie die Expertin im deutschsprachigen Raum. In Lenggries (Oberbayern) bot sie regelmäßig Software-Schulungen an.

Nach Aussage von Listenteilnehmern, die in den letzten Wochen Kontakt zu ihr hatten, war sie bereits seit Monaten schwer krank und wusste, dass sie sterben würde. Judy Ann Schoen hinterlässt eine erwachsene Tochter.

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