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Archiv der Kategorie Gebärdensprache

Martin Zierold: “Schmatz ich eigentlich beim Essen?”

Martin Zierold steckt sich eine Pommes Frites in den Mund und fragt: “Schmatz ich eigentlich beim Essen? Das müsst ihr mir sagen, ich merke es nicht.” Zierold ist Deutschlands erster Abgeordneter, der nicht hören kann. Seit dem Herbst 2011 sitzt er für die Grünen im Bezirksparlament von Berlin-Mitte. Dies ist eine große Herausforderung für ihn, seine Kollegen und die Gesellschaft. Stets und ständig wird von einem Dolmetscher begleitet, der die Worte der anderen in seine Muttersprache, die Deutsche Gebärdensprache, und umgekehrt überträgt. Zehn verschiedene Dolmetscher arbeiten für den 26-Jährigen, drei Männer und sieben Frauen. Dass ihm zumeist Frauen eine Stimme geben, stört ihn nicht und ist längst zu einem Teil von ihm geworden. Für ihn sind Dolmetscher Werkzeuge ohne Geschlecht, Dienstleister, die nicht von seiner Person ablenken sollen. Er möchte auch nicht, dass ihre Namen veröffentlicht werden. Dies würde ihn kleiner machen.

Zierold wurde im Jahre 1985 als gehörloses Kind gehörloser Eltern im Erzgebirge geboren. Von klein auf hat er also die Sprache der fliegenden Hände gelernt. “Meine Mutter hat sich sogar gefreut, dass ich auch taub bin, so bin ich in ihre Welt der Kommunikation hineingewachsen”, so Zierold. Den Begriff “gehörlos” mag er eigentlich nicht. “Das klingt so nach Defizit”. Das Wort “Taubstumm” sei aber noch schlimmer. “Ich bin taub, aber nicht stumm und bemitleidenswert schon gar nicht.” “Wir sind nicht stumm, und unsere Sprache heißt Gebärdensprache”, sagt er in einem Interview mit der taz. Er hätte selber gern Abitur gemacht, hatte jedoch nicht die Möglichkeit dazu, da es in Deutschland kaum Schulen gibt, die Taube bilingual, d. h. in Laut- und Gebärdensprache, unterrichten. Dies will er unbedingt ändern. Barrierefreie Bildung steht ganz oben auf seiner politischen Agenda. “Ich will erreichen, dass auch Taube Abitur in ihrer Sprache machen können, so wie jeder andere auch.”

Der 26-jährige Politiker hat große Pläne. Er zielt darauf ab, Berlin in den kommenden fünf Jahren Mitte zu einem Vorbild für Inklusion zu machen. Dies bedeutet also eine echte Teilhabe an der Gesellschaft von Menschen mit einer Behinderung. Er will die Gebärdensprache, das “visuelle Deutsch” wie er es nennt, und Probleme sowie Anliegen der Hörbehinderten einer größeren Öffentlichkeit bekannter machen. Im Zuge dessen soll die Live-Übertragung von Sitzungen der Bezirksverordneten im Internet mit Übersetzung in Gebärden durchgesetzt werden. “Ich will eine Nadel in diese Blase piksen, in der sich das Rathaus befindet.” Er beabsichtigt die getrennten Welten von Hörenden und Nicht-Hörenden zusammenzuführen. Nicht weniger als einen Paradigmenwechsel strebe er an, sagt er. Des Weiteren möchte er andere Behinderte dazu ermutigen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Die Tatsache, dass sie ihre Rechte nicht im vollen Maße wahrnehmen, liegt seiner Ansicht nach unter anderem an der Bildung. “Den Meisten fehlt einfach das Selbstbewusstsein. Ihnen muss in der Schule vermittelt werden, dass sie auf ihre Situation aufmerksam machen müssen und sie verändern können, wenn sie das wollen.” Vor dem Wahlkampf im September 2011 hat er das Wahlprogramm der Grünen in die Gebärdensprache übersetzt, weil Taube Informationen besser aufnehmen können, wenn sie sie in Gebärden sehen, als wenn sie sie lesen. “Für Gehörlose ist es nicht leicht, die deutsche Schriftsprache zu lernen. Denn sie ist ganz anders aufgebaut als die Gebärdensprache. Wir brauchen zum Beispiel keine Präpositionen: Ob etwas “auf”, “unter” oder “über” ist, das zeigen wir durch die Richtung der Gebärde. Auch ich habe die Schriftsprache sehr spät gelernt, weil bei mir zu Hause nur über Gebärdensprache kommuniziert wurde”, erklärt er der taz.

Zudem sagte er in dem Gespräch Folgendes über die Gebärdensprache: “Wir benutzen eine eigene Sprache mit eigener Grammatik, und deshalb hat sich eine Taubengemeinschaft mit eigener Kultur entwickelt. Eine meiner Visionen wäre es, dass die Gebärdensprache neben Deutsch zur Amtssprache wird.” Dies ist beispielsweise in Neuseeland der Fall. Seit 2006 gehört die Neuseeländische Gebärdensprache (NZSL) neben Englisch und Māori zur offiziellen Amtssprache Neuseelands. Seit Februar 2005 ist im Schweizer Kanton Zürich verfassungsmäßig anerkannt, dass die Gebärdensprache Teil der Sprachenfreiheit ist. Das österreichische Parlament nahm im Juli 2005 die Gebärdensprache als anerkannte Minderheitensprache in die Bundesverfassung (Art. 8, Abs. 3) auf. Auf die Frage, ob es auch einen sächsischen Dialekt der Gebärdensprache gibt, antwortet Zierold: “Ja, genau wie es einen Berliner Dialekt gibt. Ich selber liebe die sächsische Gebärdensprache, weil sie sehr viel differenzierter ist. Zum Beispiel haben Tante, Onkel und Cousine im Sächsischen sehr unterschiedliche Gebärden. Hier in Berlin ist es immer die gleiche Handbewegung, nur das Mundbild ist anders.”

Als erster tauber Parlamentarier fordert er die Demokratie heraus. Denn wie kann jemand, der nicht hören kann, in der Welt des gesprochenen Wortes, der Reden und Debatten bestehen? Ohne einen Dolmetscher und weitere Helfer ist er aufgeschmissen. Die Dolmetscher sind nicht nur Sprach-, sondern auch Kulturmittler. Sie müssen wissen, welche Stimmung Martin Zierold gerade rüberbringen möchte. Teilweise findet er die Sitzungen ermüdend. Er kann es nicht nachvollziehen, warum so viel Zeit mit leeren Worthülsen verschwendet wird. Was ihm seine Dolmetscher übersetzen, kommt bei ihm oft als leere Floskel an. Er ist Teil der Politik, doch er mag ihre Rituale nicht. “Hörende formulieren oft um tausend Ecken ohne Punkt und Komma”, so Zierold. “Wir beschränken uns in den Gebärden auf das Wesentliche, wir sind dadurch viel konkreter.” Seine Dolmetscher gerieten oft an den Rand ihrer Übersetzungsfähigkeiten, wenn mehrere Abgeordnete durcheinander reden würden. Ein Kommunikationsassistent notiert ihm außerdem, was in den Reihen seiner Fraktion getuschelt wird, welche Zwischenrufe fallen. “Hörende können einer Rede folgen und gleichzeitig mitschreiben. Das geht bei mir nicht. Ich muss mich ganz auf den Dolmetscher konzentrieren. Das ist sehr anstrengend.”

Doch diese barrierefreie und gleichberechtigte Teilhabe an der Politik hat auch ihren Preis. Rund 60 Euro kostet einer seiner Dolmetscher pro Stunde. Der Grünen-Politiker geht davon aus, dass jährlich zwischen 50.000 Euro und 60.000 Euro zusätzliche Kosten zusammenkommen. In diesem Zusammenhang kann man sich natürlich die Frage stellen, wer die Kosten übernimmt. Nachfolgend ein Zitat aus einem Interview mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund e. V. (DGB):

Um politisch tätig sein zu können, benötige ich Gebärdensprachdolmetscher. Das ist klar. Ansonsten habe ich keine Chance. Ich habe damals den Kreisverband der Grünen angefragt, ob er die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher übernehmen könnte. Dort waren sie erst einmal etwas überrascht und unvorbereitet, als ich plötzlich mit meinem Anliegen an sie herantrat. Leider erlaubt(e) die knappe Haushaltslage nicht, die entstehenden Kosten zu übernehmen. Dieses Problem stellt sich bis heute. Auch der Landesverband kann die Kosten keineswegs vollständig tragen. Daher bin ich meiner politischen Arbeit immer auf ehrenamtlich tätige GebärdensprachdolmetscherInnen angewiesen. Ich habe einige StammdolmetscherInnen, die regelmäßig bei Sitzungen für mich dolmetschen und sich dabei abwechseln. Wenn diese nicht zum Einsatz kommen können, muss ich andere KollegInnen anfragen, ob sie bereit sind, ehrenamtlich für mich zu arbeiten und mich dadurch in meiner politischen Arbeit zu unterstützen. Das ist immer aufregend, weil ich nie weiß, ob es klappt. Teilweise ist es möglich, den Dolmetschern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Aber ohne das ehrenamtliche Engagement wäre ich zur Untätigkeit verdammt. Daher bin ich sehr froh, dass es meistens klappt und ich die Sitzungen barrierefrei verfolgen und politisch wirken kann.

Wie bereits erwähnt gibt es in Deutschland weder im Deutschen Bundestag noch in den Landes- und kommunalen Parlamenten hörbehinderte Abgeordnete. Schaut man jedoch über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland hinweg, finden sich mit Helene Jarmer, einer österreichischen Politikerin der Grünen und Abgeordneten des Nationalrats, und dem ungarischen Politiker Ádám Kósá, seit 2009 das erste gehörlose Mitglied des Europäischen Parlaments, gehörlose Vertreter, die in der Politik tätig sind.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: morgenpost.de, 14.02.2012; stern.de, 29.01.2012; taz.de, 11.12.2011; gehoerlosen-bund.de, 28.09.2011; jetzt.sueddeutsche.de, 15.09.2011; martin-zierold.de.]

Studieren in der fremdartigen Welt der Hörenden

Die Barrierefreiheit von Gehörlosen ist in vielen Bereichen stark eingeschränkt. Das Studium an einer Universität beispielsweise ist mit vielen Herausforderungen verbunden. Dennoch hat Günter Roiss, der seit seinem dritten Lebensjahr infolge einer falschen Medikation taub ist, nach 20 Semestern sein Psychologiestudium an der Universität Wien erfolgreich abgeschlossen. Nach Rechtswissenschaften ist Psychologie das zweitbeliebteste Studienfach von Studierenden mit Beeinträchtigung an der Uni Wien. Der 38-Jährige ist mütterlicherseits der Einzige in der Verwandtschaft, der studiert hat und gehörlos ist.

An seinem ersten Tag auf der Universität wurde er von einem Dolmetscher begleitet. Trotz allem war es ein “völlig neues System”. In der Schule hat das Lippenlesen teilweise funktioniert, im Hörsaal ohne Blickkontakt zum Professor ist dies allerdings nicht möglich. Günter Roiss war somit auf Skripte und Mitschriften angewiesen. Aber er konnte aus einer Vorlesung nicht die gleichen Informationen gewinnen wie seine Studienkollegen ohne Beeinträchtigung.

Vom Fond Soziales Wien erhielt er 2300 Euro im Jahr. Dieses Geld reichte ihm dafür aus, um für zwei Vorlesungen im Semester einen Dolmetscher zu engagieren. Danach hatte er keinen Dolmetscher mehr zur Verfügung. Als dies einmal der Fall war, versuchte seine Mitstudentin Tuulia Ortner ihm zu erklären, worum es gerade geht: “Der Professor hat mich plötzlich angesehen und gesagt, wir sollen endlich aufhören, da herumzuhampeln und Faxen zu machen. Das muss ganz schrecklich für Günter gewesen sein, denn ich war wie erstarrt, und alle im Hörsaal sahen uns an.” Der Professor habe sich später jedoch entschuldigt.

Auf die Frage, ob Roiss während seines Studiums bewusst schlecht behandelt wurde, sagt er, dass das Problem eher in der Verunsicherung der im Massenstudium ohnehin schon überbelasteten Professoren läge. Insbesondere Prüfungsmodalitäten wären schwierig zu regeln – Für Gehörlose ist Deutsch die erste Fremdsprache. Mehr Aufklärungsarbeit und geregelte Lösungsansätze wären nötig.

Für Günter Roiss waren seine Kommilitonen eine große Hilfe. Nachdem er seine Sitznachbarn mithilfe eines Zettels “angesprochen” hatte, haben sich oft Freundschaften entwickelt. Manche besuchten sogar einen Gebärdensprachkurs, sodass sie gegenseitig voneinander profitierten. In Bezug auf seine Beeinträchtigung äußert sich Roiss wie folgt: “Ich gehe gemütlich durchs Leben. Zum Beispiel werden Hörende abgelenkt durch Lärm beim Arbeiten, für mich gibt es da gar keine Belastung.”

Insgesamt gesehen hat Roiss inklusive dreijähriger Pause 13 Jahre gebraucht, bis er den Master in der Tasche hatte. Dies ist doppelt so lang als die vorgesehene Mindeststudienzeit. “Ich glaube, dein Studienerfolg ist größer als meiner”, versichert ihm seine Studienkollegin Ortner trotzdem. Seit einigen Monaten ist Roiss nun als selbstständiger Psychologe, Übersetzer und Lehrbeauftragter für Gebärdensprache und Gehörlosenkultur im Institut für Bildungswissenschaften tätig. Die beiden Kommilitonen ziehen das folgende Fazit: “Alles in allem ist es ein Wunder, dass es doch geklappt hat, und das sollte es eigentlich nicht sein.”

[Text: Jessica Antosik. Quelle: derstandard.at, 09.10.2011.]

Forschungsprojekte für Gehörlose

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist bisher wenig erforscht. Im Rahmen des DGS-Korpusprojekts werden gebärdete Erzählungen, Gespräche und Geschichten von ca. 300 Gehörlosen in verschiedenen Regionen Deutschlands gefilmt und in einem Korpus zusammengestellt. Dieses wird von einem Team aus gehörlosen und hörenden Mitarbeitern am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) der Universität Hamburg erschlossen und ausgewertet. Die Texte enthalten interessante Aspekte aus dem Leben Gehörloser und haben daher auch einen hohen kulturellen Wert. Das Ziel ist die Dokumentation der Deutschen Gebärdensprache in ihrer ganzen Vielfalt sowie die Erstellung eines Wörterbuchs DGS-Deutsch auf Grundlage natürlicher Sprachdaten. Das DGS-Wörterbuch soll Gebärden so beschreiben, wie sie von der Gebärdensprachgemeinschaft verwendet werden.

Susanne König (Bild rechts) ist seit 1997 an der Erstellung von Fachgebärdenlexika beteiligt. Seit 2002 ist sie wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am IDGS der Universität Hamburg. Sie gehört seit dem Projektstart im Jahre 2009 zum Leitungsteam des DGS-Korpusprojektes.

Rund 250.000 Deutsche sind schwerhörig, etwa 80.000 komplett taub. Die Gehörlosen leben in ganz Deutschland verteilt und haben sich ihren eigenen Wortschatz zusammengestellt. “Das Improvisieren ist wichtiger Teil der Sprachpraxis”, so König. Sie ist mit einem Gehörlosen verheiratet und hat mit ihrem Mann eine Art Privatsprache entwickelt.

Sie diskutieren lebhaft, allerdings hört man kein Wort von Ihnen – den Gehörlosen. Eingeladen wurden sie von Susanne König. Während sie spricht, macht sie gleichzeitig die passenden Gebärden. Wenn sie sich vorstellt, tut sie so, wie wenn sie sich eine Krone aufsetze – das Zeichen für “König”, ihren Nachnamen. Da die Deutsche Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist, die Grammatik grundlegend von derjenigen der deutschen Lautsprache abweicht und sich der Satzbau auch vom gesprochenen Deutsch unterscheidet, ist lautbegleitendes Gebärden nicht leicht. Die Schwierigkeit liegt insbesondere in der fehlenden Schriftform; die DGS lässt sich nicht mit Stift und Papier oder Mikrofon festhalten.

Mit einem mobilen Videostudio, Gestencomputern, Scheinwerfern und fünf 3-D-Kameras untersuchen die Hamburger Forscher die deutsche Gebärdensprache. Eine Art Schriftkultur des Gebärdens scheint nun möglich. Die Gebärdensprache ist technisch reproduzierbar. Die Linguisten müssen nach der Aufnahme der Videos jeden Fingerzeig am Rechner ins “Hamburger Notationssystem” übertragen. Pro Minute Videomitschnitt fallen über 300 Minuten Auswertungszeit an. Das Team um König zielt auf rund 6.000 Einträge ab. Im Vergleich zu den etwa 135.000 Duden-Einträgen ist die Zahl gering, dennoch stehen die Forscher vor einer großen Herausforderung. Die Gebärdensprache ist nicht schriftlich fixiert und verändert sich schnell. Auf der ganzen Welt sind über 130 Gebärdensprachen registriert. Nach Angaben von Susanne König existieren sogar in Kleinstädten Dialekte. So gebe es für das Wort “Garten” mindestens 20 Gebärden. Bayern machen andere Gebärden als Berliner: Im Osten harke man ein Beet, in Bayern lege man Samen in eine Furche, in Berlin streife ein Finger einige Male die Nasenspitze. Auch für den Namen der Bundeskanzlerin gibt es mehrere Gebärden: Beim Fernsehsender Phoenix wird mit zwei Fingern an der Stirn, der Geste für “merken”, gebärdet. Im Alltag jedoch ist der mit der Hand heruntergezogene Mundwinkel für Frau Flunsch üblich.

Das auf 15 Jahre angelegte DGS-Korpusprojekt soll 2023 fertig gestellt werden. “15 Jahre für ein Wörterbuch, das ist eigentlich nicht viel. Das Projekt der Gebrüder Grimm hat über hundert Jahre gebraucht”, erklärt König. 500.000 Gigabyte an Rohdaten hat das IDGS bereits gesammelt. “Ein Meilenstein, der in die deutsche Gehörlosengeschichte eingeht”, sagt Jürgen Stachlewitz, Moderator der Sendung “Sehen statt Hören”.

Allerdings sind nicht alle so sehr begeistert wie Stachlewitz und König, denn es gibt bereits den “Kestner”, ein digitales Nachschlagewerk. Kritiker sehen in dem vor zwei Jahren erschienenen videobasierten DGS-Wörterbuch das Problem darin, dass der Verlag Karin Kestner die Region um Kassel als Sitz des Gebärdensprach-Hochdeutsch ansieht.

Ein Mitarbeiter des Hamburger Instituts, Thomas Hanke, sagt in Bezug auf die Gebärdensprache Folgendes: “Was die Akzeptanz der Gebärdensprache angeht, hinken wir 20 Jahre hinter den USA her. Hier können es sich die Fluggesellschaften noch leisten, die Sicherheitseinweisung vor dem Start ohne Gebärdenübersetzung zu machen. Und am Bahnhof heißt es: ‘Achten Sie auf die Lautsprecherdurchsage.’” Seiner Ansicht nach habe das Internet viele Vorteile, insbesondere Videokonferenzdienste wie Skype ebnen Gehörlosen den Weg in eine neue Welt. Trotz allem müssen sie, wenn sie etwas nachlesen möchten, auf ihre erste Fremdsprache, d.h. Deutsch, zurückgreifen. Dies möchte Hanke aber ändern und greift dabei auf die Spielkonsolensteuerung “Kinect” von Microsoft zurück. Bei Kinect handelt es sich um einen Raumsensor, der die Steuerung von Computern mit Körperbewegung möglich macht. Die Nutzer gebärden in eine Webcam, indem sie einen Gebärde-für-Gebärde-Diktierstil verwenden. Der Computer registriert die gebärdeten Phrasen und konvertiert sie in eine interne Repräsentation, die ein Avatar anschließend in Gebärdensprache wiedergibt. Mit Hilfe der gebärdenden, anonymen Avatare können so Inhalte für das Web erstellt und verbreitet werden. Darüber hinaus ermöglicht die interne Repräsentation auch, einen Übersetzungsdienst von Gebärdensprache zu Gebärdensprache zu entwickeln. Der einheitliche Gebärdenstil garantiert, dass Beiträge leicht und durch verschiedene Nutzer verändert und erweitert werden können. Erarbeitet wird das System, das im Rahmen des Projekts “Dicta-Sign” von der Europäischen Union mit einer Summe von fast vier Millionen Euro gefördert wird, von Hankes Team und Kollegen an der britischen University of East Anglia. Das Ziel von Dicta-Sign ist es, die notwendigen Technologien zu entwickeln, die eine gebärdensprachliche Interaktion in Web 2.0-Anwendungen ermöglichen.

Weitere Informationen zu den Projekten finden Sie auf www.dgs-korpus.de und www.dictasign.eu.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Der Spiegel, Nr. 34, 22.08.2011; sign-lang.uni-hamburg.de; dictasign.eu. Bild: sign-lang.uni-hamburg.de.]

Deutschlands einziger gehörloser Professor spricht mit leichtem Akzent Englisch

Etwa 250.000 Deutsche sind schwerhörig, rund 80.000 komplett taub. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Christian Rathmann (Bild rechts). Er ist Deutschlands erster und bislang einziger gehörloser Professor für Gebärdensprachlinguistik und Gebärdensprachdolmetschen und geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) in Hamburg. Und spricht sogar mit einem leichten Akzent Englisch.

Einerseits wird alles, was Rathmann vorträgt, von zwei Gebärdensprachdolmetschern abwechselnd in die deutsche Lautsprache übertragen, da nicht alle Teilnehmer über ausreichende Kenntnisse der Gebärdensprache verfügen. Andererseits werden auch die Fragen bzw. Antworten der Studenten für den gehörlosen Professor verdolmetscht.

Das Thema einer seiner Vorlesung lautete “Baby Signing”. Dabei bringen hörende Eltern ihrem gehörlosen Kleinkind erste Gebärden bei. “Das ist eine regelrechte Mode geworden”, so der 40-Jährige. Hörende Kinder würden zumeist im Alter von zehn Monaten mit dem Sprechen beginnen. Bei gehörlosen Kleinkindern würden die ersten Gebärden bereits einen Monaten früher gelingen. Merkwürdig daran sei, dass das Erlernen der Deutschen Gebärdensprache (DGS) für gehörlose Kinder immer noch nicht selbstverständlich sei. “Wenn festgestellt wird, dass ein Kind eine Hörschädigung hat, dann geht es erstmal in die Audiotherapie, Logopädie oder es wird mit Hörgeräten oder Hör-Implanaten versorgt, aber die Deutsche Gebärdensprache kommt in der Erstberatung so gut wie nicht vor”, erklärt Christian Rathmann.

Nach wie vor gestalte es sich schwierig, der Gesellschaft zu zeigen, dass die Deutsche Gebärdensprache als vollwertige Sprache eine große Bereicherung für die Sprachentwicklung sowie sprachliche Vielfalt darstellt. Gehörlose stoßen stets auf viele Barrieren, sei es beim Zugang zu Bildung, Medien oder im Arbeitsleben.

Christian Rathmann wurde gehörlos geboren und besuchte in Erfurt eine Gehörlosenschule. Seine Eltern hätten ihn nicht ungewöhnlich gefördert, jedoch mit viel Liebe erzogen, sagt er. Wichtig seien auch seine Geschwister gewesen. Rathmann hat die Gebärdensprache nicht von seinen Eltern oder Lehrern gelernt, sondern von Freunden im Kindergarten. Sie lernten Lippen zu lesen und erfanden Worte, wenn ihnen eins fehlte. Wenn Rathmann sich vorstellt, wogt seine Hand am Kopf entlang wie eine Lockenfrisur. Sein Gebärdenname lautet “Haartolle”. Mit dem Titel “Deutschlands einziger gehörloser Professor” könne er sich nicht wirklich identifizieren und begründet dies wie folgt: “Es gibt inzwischen gehörlose Juristen, Betriebswirtschaftler, Psychologen und vielerlei mehr.”

Anfang der 90er-Jahre war Rathmann an der Universität Hamburg. Anschließend ging er zum Studieren und Unterrichten in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort entdeckte er eine neue Welt. In Amerika gibt es nämlich die einzige Gehörlosen-Universität weltweit: Die Gallaudet University, die im Jahr 1856 in der Nähe von Washington gegründet wurde. Insbesondere sein Aufenthalt in den USA habe den Grundstein für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn gelegt. Innerhalb von zehn Jahren eignete er sich dort die Amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language, ASL) an und beherrscht sie nun nahezu perfekt. Wie gesprochenes amerikanisches Englisch ist ASL eine eigene Sprache. “Das Lustige war, dass mir die amerikanischen Gehörlosen immer gesagt haben, ‘Du hast aber auch einen deutschen Akzent’”, berichtet Rathmann. Wie die Lautsprache habe jede Gebärdensprache ihre eigene Grammatik, Intonation und Satzmelodie.

Seit April 2008 leitet Prof. Dr. Christian Rathmann das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser. Mit rund 30 Mitarbeitern und pro Studienjahr über 30 Bachelor-Studenten sowie einigen Master-Studenten handelt es sich dabei um die größte Forschungseinrichtung für Gebärdensprachen in Deutschland und das einzige eigenständige Institut.

Das momentan größte Vorhaben ist das auf 15 Jahre angelegte DGS-Korpusprojekt. Das Ziel ist die Entstehung eines elektronischen Wörterbuchs, bei dem Wörter in der Deutschen Gebärdensprache konsultiert werden können und umgekehrt. Hierbei sollen die einzelnen Gebärden im Kontext eines natürlichen Gesprächs aufgezeichnet werden. Grundlage dafür sind ca. 600 bis 800 Stunden Videomaterial von Dialogen von 320 Informanten aus dem ganzen Land.

Rathmann ist Forscher mit Leidenschaft. “Aber was mein Leben jetzt angeht, nur weil ich nicht hören kann: Ich lebe eigentlich nicht besonders anders als eine hörende Person. Ich bin ein Augenmensch, mir fallen visuell Dinge schneller ins Auge”.

Mehr zum Thema auf uepo.de
Gehörlose Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet
[Text: Jessica Antosik. Quelle: welt.de, 05.08.2011; Der Spiegel, Nr. 34, 22.08.2011. Bild: sign-lang.uni-hamburg.de.]

Gebärdensprachdolmetscher an Universitäten

Es gibt spezielle Kindergärten und Schulen für Gehörlose. An einer Universität allerdings sind Gehörlose oftmals allein unter den Hörenden und auf Hilfe angewiesen. In Großstädten wie Köln, Hamburg, München oder Berlin ist die Dolmetschersituation am besten. Über die sog. “Eingliederungshilfe” werden den Gehörlosen die Dolmetscherkosten (zumindest in der Erstausbildung) zwar übernommen, jeder Student muss sich aber selbst um geeignete Helfer kümmern. “Und die findet man nicht wie Sand am Meer”, sagt eine Gehörlose, die trotz ihrer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit “Pädagogik der Kindheit und Familienbildung” an der FH Köln studiert. Sie muss viel organisieren und die Dolmetscher zwei bis drei Wochen im Voraus über alle Termine informieren. Häufig ändern die Dozenten jedoch die Zeiten spontan.

Selbst mit der Hilfe eines Dolmetschers ist es für den Gehörlosen nicht einfach, der Vorlesung zu folgen. Wenn beispielsweise ein grafisches Stufenmodell erklärt wird, muss der Gehörlose die Grafik auf der Folie nachvollziehen und dabei auf die Gesten seines Dolmetschers achten. Es handelt sich somit um eine doppelte Denkleistung. Der zweite anwesende Dolmetscher malt schnellstmöglich das Stufenmodell ab und zeigt es dem Studenten. Die Schwierigkeit aufseiten des Gebärdensprachdolmetschers liegt nun darin, dass bestimmte Fachbegriffe in der Gebärdensprache nicht existieren. Oder aber es gibt sie, doch der Student kennt diese wiederum nicht. In diesem Fall muss der Dolmetscher zunächst eine inhaltliche Verdolmetschung liefern und dann in den Fachbegriff einführen. Letzterer wird im Fingeralphabet buchstabiert. Auf diese Weise lernt der Gehörlose wie der Begriff in der Schriftsprache lautet. Anschließend zeigt der Dolmetscher die entsprechende Geste. Gibt es keine Gebärde für einen Begriff, können bereits existierende Gebärden zusammengesetzt oder Gebärdenzeichen erarbeitet werden. Wenn man mit einem Studenten lange zusammenarbeitet, kann man mit der Zeit den Sprachstil besser einschätzen.

Nach einer Lehrveranstaltung sollen sich die Studenten häufig in Gruppen mit Fallbeispielen befassen. Die Studenten sitzen im Kreis, der Dolmetscher mittendrin. Der Gehörlose benötigt nun nicht nur eine Verdolmetschung dessen, was gerade gesagt wird, sondern sie muss ferner mitbekommen, wer in dem Moment was gesagt hat. Dies gestaltet sich natürlich insbesondere dann schwierig, wenn alle durcheinanderreden. Möchten sich die Studenten in den Pausen über die Vorlesung austauschen, dolmetschen die Gebärdensprachdolmetscher, auch wenn sie sich eigentlich erholen müssten, denn Dolmetschen erfordert viel Konzentration.

Als Gebärdensprachdolmetscher muss man sich, wenn man bei einer Lehrveranstaltung eingesetzt wird, gut vorbereiten und in die Thematik einlesen sowie gegebenenfalls Gebärden im Vorfeld recherchieren. Ob der Dolmetscher eines gehörlosen Studenten ebenfalls die Prüfungen bestehen würde, ist jedoch nicht garantiert, da sich der Dolmetscher zwar Inselwissen aneignet, aber die Aufgaben nicht übt und, wie ein Simultan- oder Konsekutivdolmetscher, am Ende einer Rede oft nicht weiß, worum es sich eigentlich handelte.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: FAZ vom 28./29.05.2011.]

Gehörlose Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet

Das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) bietet seit einiger Zeit in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung (AWW) der Universität Hamburg ein neues und deutschlandweit einzigartiges weiterbildendes Studium zur Qualifizierung tauber Gebärdensprachdolmetscher an. Mitte April wurden die ersten 16 Absolventen verabschiedet, die mit deutscher, russischer und türkischer Gebärdensprache als Muttersprache zwischen der deutschen und einer weiteren Gebärdensprache sowie zwischen der deutschen Schriftsprache und der deutschen Gebärdensprache professionell dolmetschen.

Das weiterbildende Studium ist berufsbegleitend und modular aufgebaut. Nach Bestehen der sechs Module, wobei zwei Wochenendseminare pro Modul stattfinden, können die Teilnehmer die staatliche Prüfung zum Gebärdensprachdolmetscher in Darmstadt ablegen. Die Kosten pro Modul belaufen sich auf 300 Euro. Das Studium beinhaltet Folgendes:

  • Gedächtnistraining
  • Translationswissenschaft
  • Ethik
  • Linguistik für Gebärdensprachdolmetscher/innen
  • Vom-Blatt-Übersetzen
  • Simultandolmetschen
  • International Sign
  • Dolmetschen vom Teleprompter

Der zweite Durchgang des Studiums ist für das Sommersemester 2012 geplant.

Fast nur gehörlose Menschen sind in der Lage, zwischen zwei Gebärdensprachen zu dolmetschen. Das Programm wurde von Prof. Dr. Christian Rathmann (Bild rechts), Deutschlands einzigem gehörlosen Professor, vom Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung (AWW) herausgearbeitet. Prof. Dr. Rathmann äußerte sich hinsichtlich des Studium wie folgt: “Der neue weiterbildende Studiengang Gebärdendolmetschen bedeutet einen weiteren Schritt in Richtung Inklusion und Gleichstellung tauber Menschen im öffentlichen Leben.” Absolvent Rafael-Evitan Grombelka, der die Internationale, Litauische, Polnische und Russische Gebärdensprache beherrscht, sagt: “Ich habe sehr viel dazu gelernt, z. B. im Modul Ethik über mein Verhalten als Dolmetscher und über den Umgang mit hörenden Dolmetscherkollegen und gehörlosen Kunden.” Er wünscht sich, “dass es mehr taube Gebärdensprachdolmetscher gibt und dies auch in der Gehörlosengemeinschaft und bei den Hörenden bekannter wird.”

[Text: Jessica Antosik. Quelle: aww.uni-hamburg.de; myhandicap.de, 15.04.2011. Bilder: sign-lang.uni-hamburg.de; aww.uni-hamburg.de.]

Erich Prunč: Gastprofessur in Mainz

Prof. Dr. Erich PrunčErich Prunč wurde 1941 innerhalb des slowenischen Sprachgebietes in Österreich in St. Kanzian/Škocjan bei Klagenfurt/Celovec geboren. Er besuchte das Gymnasium in Tanzenberg und in Klagenfurt/Celovec. Bereits neben dem Slawistikstudium in Graz und Ljubljana begann er als Gerichtsdolmetscher zu arbeiten. Der spätere Translationswissenschaftler war in den 60er Jahren Mitbegründer der slowenischen Literatur- und Kulturzeitschrift mladje, in der er unter dem literarischen Pseudonym Niko Darle veröffentlichte. Im selben Zeitraum gründete und leitete die Theatergruppe oder mladje.

1988 wurde er an die neu geschaffene Lehrkanzel für Übersetzungswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität in Graz berufen. Seine Publikationen in den Bereichen der Slawistik und der Translationswissenschaft haben ihre Schwerpunkte in den Bereichen Geschichte der Translationswissenschaft, Translationskultur und Translationsethik. Er ist Professor am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft (ITAT) der Karl-Franzens-Universität Graz, das er auch einige Jahre leitete. Unter anderem seiner Initiative sind z. B. die Installation der Studienfächer Gebärdendolmetschen und Albanisch an der österreichischen Uni zu verdanken. Dieses Jahr hat er eine Gastprofessur an der Uni Mainz inne.

Ein ausführliches Interview mit Prunč über die Entwicklung der Translatalogie findet sich im Mitteilungsblatt der Universitas, Ausgabe 01/2010, S. 4-10:

http://www.universitas.org/uploads/media/MIBL_0110.pdf

[Text: Johanna Bietau. Quelle: Mitteilungsblatt Universitas, 01/2010. Kleine Zeitung. Bild: wikipedia.org.]

Lernprogramm “Fahrschule ohne Barrieren” online

Fahrschule ohne Barrieren

Das neue Internetlernprogramm “Fahrschule ohne Barrieren” des Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerks in Husum ist nach dreijähriger Entwicklungszeit online gegangen. Es soll Gehörlosen sowie Menschen mit Behinderungen, ausländischen Wurzeln, Leseschwächen und Textverständnisproblemen bei der Führerscheinprüfung helfen. 920 Fragen und Antworten der theoretischen Prüfung wurden in einer leicht verständlichen Sprache formuliert bzw. in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt. Fahrschüler können nun die Fragen des Bundesfragenkataloges in einfacher Sprache und in mehr als 3.500 Gebärdensprachfilmen kostenlos ansehen und üben.

Das Projekt “Fahrschule ohne Barrieren” wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert.

www.fahrschule-ohne-barrieren.de

[Textzusammenstellung: Jessica Antosik. Quelle: www.fahrschule-ohne-barrieren.de, www.svenvoertmann.de, blindwerk - neue medien KG. Bild: www.svenvoertmann.de.]

Vorlesung in der Sprache, die man sieht

Gehörlose wagen selten ein Studium, da die Hürden im Alltag zu groß sind. Doch dem wird vielleicht schon bald ein Ende gesetzt, denn am 26. Juni 2010 wurde in Bad Kreuznach die Vereinsgründung der Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität Bad Kreuznach e. V. erfolgreich durchgeführt. Der Verein will eine Europäische Gebärdensprach-Universität aufbauen, um gebärdensprachkompetente Lehrer und Dozenten auszubilden und tauben Menschen somit ein Studium zu erleichtern. Es wäre nach der Gallaudet University in Washington die weltweit zweite Hochschule dieser Art, an der ausschließlich Kurse in Gebärdensprache angeboten werden. Finanziert werden soll das Projekt über Sponsoren, Spenden, Stiftungen, EU-Gelder und Studiengebühren.

Der 47-jährige Patrick Hennings, stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft, selbst fast taub, sagt, dass man in fast allen Fachbereichen einen Dolmetscher für jeden Studenten benötigt. Für Gehörlose gibt es zwei Arten von Dolmetschern: Schriftdolmetscher, die alles Gesagte protokollieren, sodass Inhalte im Anschluss an die Veranstaltung nachgelesen werden können, oder Gebärdendolmetscher, die während der Veranstaltung das Gesagte in die Deutsche Gebärdensprache übersetzen. Doch das Problem liegt hier natürlich in der Finanzierung. Denn wer soll das bezahlen?! Abgesehen davon beginnen die Schwierigkeiten schon früh. Taube haben fast gar keine Möglichkeit ein Vollabitur zu machen. Aus diesem Grund möchte die Gesellschaft neben der Universität eine Oberschule anbieten. Außerdem möchte sie Vorurteile abbauen, wie beispielsweise, dass die Gebärdensprache nicht dazu geeignet ist, auf mindestens gleichem Niveau kommunizieren zu können wie mit Lautsprache.

Der Bedarf in Deutschland ist enorm. In Deutschland liegt der Anteil der Tauben an der Bevölkerung bei circa einem Prozent. Eine Uni bedeutet für Hörgeschädigte natürlich auch mehr Berufschancen. Ein Drittel der Betroffenen in Deutschland sind arbeitslos.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: sueddeutsche.de, 13.09.2010. kreuznach-blog.de. Bild: Wikipedia.]

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