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Archive für 8.9.2009
Komische Oper Berlin installiert Übersetzungsanlage für 900.000 Euro
8.9.2009 von Richard Schneider.

Viele Opernhäuser übertiteln ihre Vorstellungen und blenden oberhalb der Bühne die Übersetzung eines beispielsweise italienischsprachigen Musikwerks ein. Wer glaubt, dies sei der neueste Stand der Technik, der sollte bei nächster Gelegenheit einmal eine Vorstellung in der Komischen Oper Berlin (Bild oben) besuchen. Dort hat man jetzt etwas Besseres und kündigt dies auf der Website auch mit stolz geschwellter Brust an:
Liebe Besucherinnen und Besucher,
dass für unser Publikum das Beste gerade gut genug ist, können Sie in der Komischen Oper Berlin nicht nur sehen und hören, sondern künftig auch spüren, wenn Sie bei uns Platz nehmen: Wir bauen zur Spielzeit 2009/10 eine neue Bestuhlung ein, die Ihnen mehr Beinfreiheit und Komfort bietet als bisher.
Der Clou an den neuen Sesseln aber ist eine eingebaute Übersetzungsanlage, wie sie in Deutschlands Opernhäusern bislang einmalig ist: Nahezu jeder Sitzplatz wird mit einem Display ausgestattet, auf dem, wenn Sie es wünschen, der Text mitläuft. Im Prinzip funktioniert das wie eine gängige Übertitelanlage, ist aber viel raffinierter. Sie können nämlich individuell auswählen, ob sie den Text in deutscher oder englischer Sprache mitverfolgen wollen – oder Ihr Display ausschalten, wenn Sie das nicht möchten. Eine spezielle Sichtschutzfolie verhindert übrigens, dass Ihr Opernerlebnis durch das Display des Sitznachbarn gestört wird. Klingt verblüffend? Ist es auch!
Die „Übersetzungsanlage“ ist eine Weltneuheit der schwäbischen Firma Vicom in Göppingen und schlägt mit 900.000 Euro zu Buche - zusätzlich zu den Kosten von 600.000 Euro für die neuen Stühle. Die in die Rückenlehnen eingelassenen Bildschirme (Stückpreis 750 Euro) zeigen dem in der nächsten Reihe sitzenden Musikfreund den gesungenen Text in diversen Sprachen an, zurzeit Deutsch oder Englisch. Russisch, Chinesisch und Japanisch sind in Planung.
Wichtig sei beim Umbau gewesen, dass die neue Technik von den Besuchern nicht als störend empfunden werde, so Andreas Homoki (Bild), Chefregisseur und Intendant der Komischen Oper. Er schwärmt: „Die Anlage ist das Neueste, was es momentan weltweit gibt.“ Im Gegensatz zu den Lösungen in der Wiener Staatsoper oder in Barcelona sei das Berliner System „diskreter und ästhetischer“. Überdies sei die Umgestaltung des Saals „überfällig“ gewesen. Die alte Bestuhlung sei schon „auseinandergefallen“ und die Samtbespannung an vielen Stellen regelrecht „abgescheuert“.
In wenigen Tagen hat die neue Technik bei Giuseppe Verdis Rigoletto Premiere. Auf den Bildschirmen erscheint der italienische Text dann wahlweise in deutscher oder englischer Übersetzung. Regisseur Barrie Kosky hat allerdings so seine Befürchtungen: „Wahrscheinlich wird das Publikum in den ersten zehn Minuten nicht auf die Bühne gucken, sondern mit dem neuen Spielzeug beschäftigt sein.“

„Für sowat hamse Geld!“
Berlin leistet sich als einzige Stadt der Welt drei Opernhäuser. Hinzu kommen acht große Symphonieorchester und mehr als 130 Theater und Bühnen. Die Berliner Opern werben gemeinsam mit folgendem Slogan: „772 Opernvorstellungen in einem Jahr – wo gibt’s das sonst?“
Die Kehrseite der Medaille: Die deutsche Hauptstadt ist trotz großzügigster Subventionen des Bundes mit mehr als 60 Milliarden Euro verschuldet, das sind rund 17.500 Euro pro Einwohner (Stand: Juli 2009). Allein der Kulturetat der Stadt beläuft sich auf knapp eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. Geld, das nicht in Berlin, sondern in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart oder München erwirtschaftet werden muss. Die Hauptstadt lässt davon die Puppen tanzen, damit sie auch künftig „eine Reise wert ist“. Auch in dieser Hinsicht stellt sich die Frage: Wo gibt’s das sonst?
[Text: Richard Schneider. Quelle: Komische Oper Berlin; Tagesspiegel, 2009-09-08; ddp, 2009-09-07. Bild: Komische Oper Berlin, Vicom.]
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