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Archive für 24.8.2009
Herder und Beck legen neue Koran-Übersetzungen vor
24.8.2009 von Richard Schneider.
Zwischen zwei deutschen Verlagen tobt derzeit ein heftiger Wettstreit um den Koran: Wer ist mit seiner Übersetzung zuerst auf dem Markt? Und wem gelingt der Spagat zwischen philologischer Genauigkeit und leserfreundlicher Sprachgewandtheit besser? Zumindest zeitlich scheint das Rennen entschieden.
Mitte September kommt die Übersetzung des Freiburger Verlags Herder in die Buchläden, der Münchner C. H. Beck-Verlag zieht wenige Wochen später Ende Oktober nach. „Wir haben wahrgenommen, dass der Koran bei Herder im September erscheint“, lautet der knappe Kommentar bei Beck.
Dabei ist der Koran laut islamischer Theologie eigentlich unübersetzbar. Denn er gilt nur im arabischen Original als authentisch dokumentierte Fassung jener Eingebungen, die Gott dem Propheten Mohammed vor fast 1.400 Jahren offenbart haben soll. Deshalb lernen Muslime weltweit die Rezitation des Originals. Gleichwohl gab es seit frühesten Zeiten Übersetzungen. Eine deutsche Fassung lag erstmals um 1600 vor. Heute reicht die Spannbreite von polemisch abwertenden über romantisch verklärende Übersetzungen bis zur philologisch präzisen Übertragung von Rudi Paret von 1962.
Für den Beck-Verlag saß der Erlanger Arabist und Koranwissenschaftler Hartmut Bobzin seit mehr als zehn Jahren an seiner Neuübersetzung. Das Ziel: eine aktuelle Alternative zum Paret-Standardwerk. „Seit den 1960ern ist die Koranforschung weitergegangen. Außerdem arbeitet unsere neue Übersetzung die islamische Auslegungstradition der vergangenen Jahre ein“, sagt Lektor Ulrich Nolte. Und: Trotz wissenschaftlicher Genauigkeit und Fußnoten werde es einen sprachlich überzeugenden, gut lesbaren Text geben, so das Versprechen. Auch wenn, so der Lektor, der Koran an vielen Stellen nun einmal ein „sperriger, ein rauer Text“ bleibe. Ergänzend zur Textausgabe will Bobzin in den nächsten Jahren noch einen detaillierten Korankommentar vorlegen.
Karimi mit anderer Herangehensweise
Für Herder wählte der Philosoph und gläubige Muslim Ahmad Karimi eine andere Herangehensweise. Karimi besuchte als Jugendlicher einer Koranschule in Kabul und brachte die Faszination für den heiligen Text auf der Flucht vor den Taliban bis nach Deutschland mit. Er lernte Deutsch und übersetzte für sein Islamwissenschaftsstudium immer wieder einzelne Suren. Vor einem Jahr begann dann die intensive Übertragungsarbeit für Herder. „Ich versuche, für deutsche Leser ohne Arabischkenntnisse nachvollziehbar zu machen, warum der Koran ein solch atemberaubend schöner Text ist“, sagt Karimi.
Für den multikulturellen Intellektuellen ist der Koran ein Stück Universalpoesie mit enormer religiöser und emotionaler Kraft. Also versucht er, die Sprachbilder und Rhythmen des Originals, seine Gleichnisse und Bilder, aber auch die Brüche und Vieldeutigkeiten im Deutschen wiederzugeben. „Vielleicht klingt es am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber wer sich darauf einlässt, kann etwas von der Faszination verstehen.“ Erste Kritiker werfen ihm allerdings schon vor, die Form wichtiger als den Inhalt zu nehmen.
Gemeinsame Textgrundlage
Gemeinsam ist Karimi und Bobzin die Textgrundlage: Beide entschieden sich für die in der muslimischen Welt am weitesten verbreiteten Textfassung, den sogenannten Kairiner Koran, der erstmals in den 1920er Jahren von der Al-Azhar-Universität Kairo herausgegeben wurde. Es geht beiden nicht um Quellenkritik oder historische Verortung. Daran arbeitet gerade das international vielbeachtete Forschungsprojekt „Corpus Coranicum“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Die unterschiedlichen Arbeitsweisen werden noch einmal bei den Zielgruppen der beiden Neuübersetzungen deutlich: Beck hat das Fachpublikum im Blick und hofft auf eine „interessierte Öffentlichkeit“ sowie die „Akzeptanz von muslimischer Seite.“ Karimi sagt, er wolle in Deutschland lebenden Muslimen die Schönheit des Koran näher bringen. Er ist davon überzeugt, dass die Poesie auch Nichtmuslime in den Bann zieht. Zu ihrer Startauflage wollten sich beide Verlage nicht äußern.
[Text: Volker Hasenauer, kna. Quelle: www.domradio.de. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.]
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